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Logbuch

 

Mein letzter Eintrag

Das Schiff ist verkauft und wieder zurückgebracht nach Holland. Von dieser Reise habe ich keine Fotos mehr gemacht. Mir war nicht danach. Auf facebook gibt es einen Jacob van Berlijn - Auftritt, den kann man sich anschauen, wenn man die Reise weiterverfolgen will.

Bernd und ich freuen uns, dass das Schiff in gute Hände kommt und eine Zukunft erhält, die mit uns nicht mehr möglich gewesen wäre. Wir freuen uns, dass weiterhin Menschen von diesem Schiff und seiner Art berührt werden, es mögen und Lebensgeschichte damit schreiben werden. Die Jacob van Berlijn hat eine gute Energie und wird diese weitergeben.

Der Abschied war ein langer. Nicht jetzt, zum Schluss, da ging alles eigentlich leicht und froh vonstatten. Nein, der Abschied von der Jacob hat für uns beide mehrere Jahre gedauert. Zu einem Abschied gehört nicht nur Trauer, es ist die Summe all dessen, was man erlebte, die noch einmal ins Bewusstsein tritt  - wow, und das ist viel!
Ein Schiffsleben, wie wir es führten, ist intensiv in jeder Hinsicht.

Und jetzt ist es AUSGELEBT.
Mir geht es im Leben öfter so mit Erfahrungsbereichen. Ich lebe etwas von ganzem Herzen, intensiv, mit allen Erfahrungen, die ich dazu machen kann, mit allen Gefühlen, die dazu gehören - und wenn man alles erlebt hat, was einem selber möglich ist, zu erleben an dieser Stelle, mit diesem Erfahrungsbereich, dann kann man weitergehen. Weitergehen zu neuen Ufern, zu anderen Erfahrungswelten. Ausgelebt nenne ich sowas. Ich habe etwas völlig ausgelebt.

Was für ein Reichtum im Leben, wenn einem das sogar mehrfach widerfährt.

Mehr habe ich nicht zu sagen.

Ich liebe mein Leben und seine Geschenke nehme ich mit offenen Armen und strahlendem Gesicht an. Und wer das jetzt zu pathetisch findet, der kennt nicht das Gefühl, dass einem vor Glück manchmal der Brustkorb platzen möchte und man Angst hat, die Fülle nicht fassen zu können, die einem bewusst wird.

                                                   

 

 

 

Logbuch vom 23. August 2014 (geschrieben über mehrere Tage)

 

Während Bernd gerade durch die intensivmedizinischen Abteilungen unserer hiesigen Krankenhäuser tourt, habe ich Gelegenheit vier junge Männer aus Berlin bei mir zu Gast zu haben, die heute an den Hamburg Cyclassics teilnehmen wollen - auch wenn es in Strömen regnet. Eigentlich hätten wir ja an diesem Wochenende noch ein wenig segeln wollen, die "vier Freunde" hätten dann meinen Haustürschlüssel aus Berlin mitnehmen dürfen, aber Bernd konnte nicht warten mit dem Krankenhaus-Check, den er vor Renteneintritt gerne noch hinter sich bringen wollte - in meiner Gegend natürlich, denn hier wird er sich im Alter mehr aufhalten als in Berlin.

Wie checkt man unauffällig Krankenhäuser? Da muss man sich schon was einfallen lassen. Eine schöne, noch warme, frisch geräucherte Makrele, im Urlaub an der Ostsee verzehrt, brachte Bernd auf die Idee mit der Gräte. Ein Exemplar verkantete sich erfolgreich und verursachte zunächst nur leichte Halsbeschwerden. Langsam entzündete sich dann die Speiseröhre und mit ihr das dahinter liegende "Mittelfell" und die Lunge. Nur so gelang es, praktischen Einblick zu erhalten in die Qualität der Intensivstationen des Krankenhauses Stade und des UKE, ohne dass die Ärzte Verdacht schöpfen. Ein nächtlich durchgeführter Intensivtransport mit Tatütata von einer Klinik zur anderen verlief dann auch ganz zufrieden stellend, sodass Bernd aus dem Ergebnis seiner Untersuchung schließt, dass er sich durchaus in einem Jahr aufs Land zurückziehen kann.    -    Sapere aude!

Aber dies nur eben vorweg, denn eigentlich will ich ja von unserer letzten Tour auf der Havel berichten:

 

              

Wir sind ein zweites Mal nach nur kurzer Zeit auf derselben Strecke unterwegs. Und wer glaubt, dass das langweilig sei, dem muss ich widersprechen. Die Havel ist zu jeder Jahreszeit, zu jeder Stunde ein sehenswerter Fluss. Hatten wir in Holland die "Große Weite" des Wassers, wo das Auge auf Wellen, Meer und auf Himmelsbilder schauen kann, die schon alle großen und kleinen Meister der niederländischen Malerei für uns festhielten, so gibt es im Gegensatz dazu an der Havel Naturschauspiele in Sachen Grün. Für mich persönlich ist das Zurückkommen von Holland nach Deutschland der Übergang vom Element Wasser zum Element Erde, das ich erlebe.

Mochte ich mich als Kind und Jugendliche in meiner Bauerngegend mit ihrem schweren Marschboden und ihren fest gefügten Gesetzen und Riten nie wirklich verwurzeln, so brachten mir die vielen gelebten Jahre zwischen Himmel und Erde, in steter Bewegung auf dem Wasser, den nötigen Freiraum, um mir "meine Heimat" in mir selber zu schaffen. Erst so, losgelöst aus dem Festen und Starren, das mir nicht entspricht, aber das mich umgab und mich zu formen wünschte, konnte ich meinen eigenen Boden finden in dieser Welt. Und umgeben von meiner "eigenen Erde" kann ich heute dort Wurzeln schlagen, wo auch die anderen sind, die ich von Kindheit an kenne.

Das Land, in dem man lebt, die Gegend, in der man wohnt, prägt einen Menschen, sie macht etwas mit uns, sie beeinflusst unser Leben. Diese zweite Reise in diesem Sommer unternehmen wir mit Städtern, Großstädtern, Menschen die seit vielen Jahren die Städte Berlin oder Hamburg ihr Zuhause nennen.

              

Und auch diese Menschen zieht es von Zeiten in die Natur - z. B. raus aus der kleinen Badewanne, hinein in die große. Die gute Wasserqualität wird mit Freude zur Kenntnis genommen, wer schwimmt schon gerne in einer veralgten grünen Suppe herum. Welche Art von Natur uns umgeben wird in der Zukunft hängt davon ab, welche Art von Natur wir Menschen uns wünschen.

Vor 19 Jahren war ich mit meinem ersten Mann und zwei Kindern in Plau am See. Wir sind dort Fahrrad gefahren, am See entlang durch den Wald. An einer Stelle mussten wir innehalten, stehen bleiben und staunen. Auf einem Hügel erstreckte sich ein ganz alter Buchenwald, licht, mit viel Platz zwischen den Bäumen und keinem "Unterbewuchs", mächtige Säulen, die in den Himmel ragten und über uns ein von der Sonne durchleuchtetes Blätterdach. "Das ist die Halle des Bergkönigs" sagte mein Mann - und wir beide haben diesen Anblick nie vergessen. Als ich Bernd jetzt diese Halle in unserem Urlaub zeigen wollte, existierte sie nicht mehr. Da war noch Wald, schöner Wald, aber der Bergkönig war daraus verschwunden.

 

Ein Wald, in dem Gestalten wohnen
Wesen, die man spürt
Die unerkannt, die meiste Zeit,
dort leben, unberührt.

Der Wald ist mir ein Heiligtum
weil, wenn ich ihn betrete,
er mich verändert, weich sein lässt,
verformbar macht wie Knete.

Es ist die Kraft, die in ihm wohnt,
die ich nur fühl', nicht sehe -
Als Brückenglied von mir zu ihm
erscheinen plötzlich Rehe.

Sie wissen um das Heiligtum,
sie leben damit lange.
Ich bin wachsam, zugleich froh,
andächtig und nicht bange.

Doch Wehmut packt mich,
denn ich weiß, ich muss den Ort verlassen,
der mir Berührung schenken will
mit dem, was kaum zu fassen.

                                                               (Nationalpark Elba - Ria Wahlen-Cordes)

 

              

"Berührung" hatten wir am ersten Abend mit einer schönen Flasche Limoncino, die eine liebe Donateurin von der letzten Reise für uns in der Küche hatte stehen lassen. Gott sei Dank ist Bernd in Sachen Körperpflege nicht so übereifrig, denn er hielt das leckere Zeug für eine vergessene Flasche Shampoo. Obwohl von niemandem von uns eingekauft, gab sie uns doch reichlich Anlass, während der Essenszubereitung von diesjährigen Urlauben am Gardasee zu erzählen.

               

An der Havel war es deutlich kälter diese Woche, was uns zunächst nüchterner auf die Reise gehen ließ.

               

Windjacken, Kopfbedeckungen, die erst gezaubert werden mussten.

"Eine Frau kann aus NICHTS etwas machen" sagt eine alte Männerweisheit "einen Hut, eine Mahlzeit und eine Szene!"
Ich würde den Frauen heutzutage empfehlen, ihre diesbezüglichen Anlagen viel öfter mal einzusetzen, damit die Männer wieder spüren, was Frauen sind - menschliche Wesen, mit Urkräften ausgestattet, von denen ein Mann nur träumen kann. Weicheier laufen aus Angst davon, Männer finden das anziehend und bleiben.

 

 

 

Ja? Ist das so?

Das bedarf vielleicht in der Tat mal einer philosophischen Betrachtung!

 

 

 

 

Die Natur betrachtet man auf dieser Reise nicht philosophisch, sondern ganz real.

Alle Menschen, die sehr viel Wissen angehäuft haben, freuen sich, wenn sie dies auch wieder abgeben können.

Wir alle verfügen über Wissen, über großes Wissen. Nur die Menschen, die auf inneres Wissen nicht so vertrauen, die glauben, dass man davon ganz viel in seinem Kopf ansammeln müsse und sie finden die größte Anerkennung unter denen, denen es ebenso geht.

 

                

Ein jedes Schiff hat seine Nachfolger. Aber manche biegen unterwegs lieber ab, denn sie können der Route des anderen nicht folgen. Die Reisewege der Menschen durchs Leben sind verschieden. Wir gehen manchmal lange in dieselbe Richtung, ohne richtig bemerkt zu haben, dass unser Weg sich doch erheblich von dem der anderen unterscheidet.

Hier geht es lang zum "schwarzen Loch", sagt dieses Schild aus. Sie haben kurzwellig keinen Empfang mehr, können sich nicht an etwas im Boden festhalten, ihr Schiff treibt nun völlig frei, zwischen Himmel und Erde.

Bernd befindet sich zurzeit noch in der Bernhard-Nocht-Klinik, die zum UKE gehört. Es ist die Station für Schiffs- und Tropenkrankheiten. Jedes Zimmer ist mit doppelten Schotten vom Flur getrennt (so ein Seemann muss sich ja heimisch fühlen). Nachts, in Bernds Träumen, läuft ein Film, Schiffsreisen, die unterlegt werden von einer Stimme, die die Bedeutung der Landschaft und der Städte unterwegs erklärt. - Neues Wissen, Wissen, das er noch nie gelesen hat.

 

                        

Hier dient Lesen nicht dem Wissenserwerb sondern einfach der Entspannung. Und hier wird ein wenig geträumt und die Gedanken dürfen sich ruhig einmal verlieren.

Auf diese sehr private und ungezwungene Weise vergeht ein kleiner Tag. Wir erreichen eine Stadt.

               

                                          Man nennt sie das Venedig der Mark Brandenburg.

                

Wir machen eine kleine Rast, denn wir wollen die Nacht auf dem Plauer See zubringen und Jorke braucht vorher einen Schnüffelrundgang durch den Park, wo er geschäftlich noch etwas zu erledigen hat.

Danach freuen wir uns auf einen offenen Ankerplatz, von dem wir uns einen ruhigen Abendausklang versprechen.

Die Menschen an Bord kennen sich lange, 30 Jahre schon leben die meisten von ihnen zusammen in einer Hausgemeinschaft. Ein schön renoviertes Hinterhaus mit recht großem Garten im Zentrum Charlottenburgs nennen sie ihr eigen. Man weiß viel voneinander, hat die Jahre der unterschiedlichen Entwicklungen jedes Einzelnen mitverfolgen dürfen, die Krisen vielleicht, die Erfolge, die Krankheiten, das Aufwachsen der Kinder, das Sterben der Eltern. Beständigkeit bietet eine solche Gemeinschaft, irgendwie auch Vertrauen und Halt.

Alle haben unterschiedliche Bereiche, in denen sie arbeiten, alle unterschiedliche Themen. Das bereichert und bietet zugleich Einblicke in andere Erlebniswelten, die man sonst in dieser Kontinuität nicht hätte.

 

              

Mit der intensiven Erlebniswelt eines uns unbekannten Mannes kommen wir am späten Abend in Kontakt. Es ist schon dunkel, wir liegen im Plauer See vor Anker, wollen einen ruhigen Tagesausklang miteinander genießen. Da ertönen Hilferufe in der Dunkelheit. Wir sehen wenig, hören aber zwei Stimmen heraus.

Ein Kapitän ist auf hoher See mit seinem Schiff auf ein Riff gelaufen - das Schiff ist allerdings ein Schlauchboot, die hohe See nur ein kleines Binnengewässer, das Riff eine Untiefe von 40 Zentimetern Wassertiefe - und das noch in Ufernähe! und der Kapitän ein männlicher Mensch, der seine Potenz wohl mit der seines Außenborders verwechselt haben muss. Wie in alten Seefahrergeschichten ist auch er betrunken und hat statt einer Anzahl raubeiniger Matrosen seinen ca. 12jährigen Sohn an Bord, beide haben kaum was an. Es regnet. Nachdem wir ihm zurufen, dass wir dort gar nicht hinkommen können,  werden wir angepöbelt und beschimpft ("flickt Euch!") und seine Hilferufe gellen weiter durch die Nacht. Er ist wahrlich extrem verzweifelt. Irgendwann hat sich dann sein schlaues Boot von der Sandbank selber befreit und er kann, Bernds Anweisungen folgend, zu uns herüber paddeln.

Ein Mensch mit einer sehr unangenehmen Energie klettert unsere Badeleiter hinauf und schimpft auf die Polizei, die ihm gar nicht helfen konnte, da er selber nicht wusste, wo er sich befand. Unsere Ärztin an Bord und unser Reiseleiter sorgen mit ihren Telefonen dafür, dass wir an diesem Abend noch ein paar nette Rettungskräfte an Bord begrüßen dürfen und dieser Unselige mit seinem netten Sohn zurück ans Festland gelangen kann.

Wie dieser Mensch im Nachhinein seinem wachen Sohnemann die Situation schildern wird, um selber als Erzeuger gut dazustehen, das würde mich mal interessieren. Und inwieweit ist der Sohn in der Lage, die eigens gemachten Eindrücke und Erfahrungen, unabhängig von dem, was sein Vater später erzählen wird, für sich zu verarbeiten?

 

             

Bei uns an Bord wird die nächtliche Aufregung auf diese Weise verarbeitet und nachbereitet.

              

Der nächste Morgen steht ganz im Zeichen tiefster Kontemplation.

              

 

 

 

 

 

 

 

Nur unser Reiseleiter darf der Übermüdung nicht nachgehen, er trägt ja all die Verantwortung für den guten Verlauf dieser vier Tage.

 

 

 

               

Unterdessen ziehen wir weiter durch die Landschaft, den Fluss abwärts. Auf Biberburgen am Ufer, bewohnte Flöße wie bei Tom Sawyer

und auf die unterschiedlichsten Vorstellungen von Wohnen am Fluss treffen wir hier.

Das Auge kann verweilen für einen Moment, dann löst es sich wieder und etwas Neues tritt in den Fokus. Gedanken zu dem Gesehenen tauchen auf und Gedanken zu dem, was gestern noch war oder uns im Innern beschäftigt.

Alles fließt, alles ist in Bewegung.

 

 

 

Die Zeit vergeht.

Schon ist es Nachmittag.

"Das Schiff ist eine Zeitvernichtungsmaschine" sagt Bernd immer und das ist wahr. Es entspricht Bernds Vorstellungen und seinem Gefühl und Verständnis von Zeit.

Für mich ist das Schiff Träger einer anderen Qualität von Zeit. Wir erleben hier Zeit anders, sie verbindet uns mehr mit unseren wesentlichen Bedürfnissen. Und sie konfrontiert uns auch mehr mit uns selbst.

Bernd nennt es "Vernichtung" und für mich ist es "Verdichtung".

 

 

 

Dieser nette Mann hat mir und Bernd immer in den Schleusen und beim Anlegen geholfen, da ich nie ein Tau über den Bolder bekam auf dieser Reise.

Er ist schon seit vielen Jahren auch unser Fachmann für Fragen in Sachen Elektrik und Entsorgung von Sanitäreinrichtungen.

Wir mögen ihn, er ist lustig, verlässlich und lieb.

 

 

                 

Sind die Damen da etwa anderer Meinung?                                            Nein, offensichtlich nicht.

 

 

Und es gibt noch eine Dame, die sich auf ihn verlassen kann,

- die Havel nämlich, mit ihren Ufern.

 

                                              

                                                   Hier dargestellt von einem Künstler

 

und hier präsentiert sie sich selbst, im Objektiv meiner Kamera.

               

 

               

 

                

 

 

 

Bei allem Bemühen - die werden wohl nicht so schnell zurückkehren.

 

 

 

 

 

               

 

               

                                              Inzwischen ist übrigens jeder wieder wach.

 

 

Wir treffen unterwegs einen Mann, der auf dem Weg ist zu seinem Nachbarn. Die Wege von einem Gehöft zum anderen sind umständlich und weit, da ist der Wasserweg kürzer. In dieser Jahreszeit schwimmt man gerne die paar hundert Meter.

Für den Winter hängen die Schlittschuhe in der Diele am Haken.

 

 

 

                 

Was in meiner Gegend die Schützenfeste, sind in dieser Gegend wohl die Drachenbootwettkämpfe. Man trifft sich zur Mannschaftsplanung und zum Training.

Ob hier dann auch so eine Menge Alkohols mit im Spiel ist, um Gemeinschaftssinn zu erleben?

 

 

 

 

 

 

 

                

Wir nähern uns Rathenow, dem heutigen Tagesziel unserer Reise.

                 

 

                  

Die Stadt wird vorbereitet auf die BUGA, die im nächsten Jahr von April bis Oktober in der Havelregion stattfinden wird und erstmals an fünf Standorten zugleich. Brandenburg und Rathenow sind zwei dieser Städte. Über eine wunderschöne neue Brücke für Fußgänger und Fahrradtouristen können die Rathenower Bürger sich freuen. Sie wird hoffentlich auch nach der BUGA noch viele Menschen über den Fluss tragen.

 

                 

Angekommen. Festgemacht.
Die kleine Stadt ist schnell angeschaut, so bleibt genügend Zeit, sich der Essensvorbereitung zu widmen und dem gemütlichen Beisammensein. Ich kenne zwar nicht die genauen Motive jedes einzelnen Gastes, auf dieser Reise dabei zu sein, aber der kulturellen Weiterbildung dient diese Fahrt wohl eher nicht.

                

Ein Aufenthalt in der Natur, mal nicht immer nur gegen Häuser blicken und auf Straßen schauen, auf Autos und Fahrzeuge - das wird wohl eher ein Grund für diese Reise sein.

                 

Grün ist, psychologisch gesehen, übrigens die Farbe mit dem höchsten Erholungswert für uns Menschen.

                 

Das reine Blau des Wassers hat nicht diesen starken Effekt.

                

Drum lasst uns genug davon mitnehmen, fürs Auge, für die Zirbeldrüse, für unsere Organe, das Herz.

 

 

 

 

Wer weiß, wann wir uns damit wieder so auftanken können?

 

 

 

                       

Auch noch etwas Frischluft für die Lungen gefällig, fürs Blut? Unsere Großstädter bekommen sogar eine Extraportion, die Luft in diesen Tagen ist bewegt und angereichert.

 

              

Einfach nur draußen sein, mehr ist gar nicht nötig, atmen, hinein nehmen, was uns geliefert wird heute.

              

Bevor die Zeit wieder um ist, das Büro wieder wartet, die Zeit doch mehr drinnen als draußen verbracht wird.

Jeder Prozess von Entwicklung, jeder Prozess von Entscheidung, innerer und äußerer Bewegung lässt unseren Körper Abfallstoffe produzieren. Diesen "Müll" müssen wir loswerden, ihn abgeben, heraus transportieren aus unserem System. All das läuft in uns immer unbewusst ab, automatisch - doch stellt Euch vor, Ihr würdet Leber und Niere ab und an in Euer Bewusstsein nehmen, ihnen danken für das, was sie jeden Tag für Euch tun. - Wie reagiert Ihr, wenn Euch gedankt wird?

Klingt das merkwürdig angesichts der Tatsache, dass Ihr mich an Bord täglich habt rauchen sehen? Es gibt viele verschiedene Bedürfnisse in uns, mich packt zurzeit gerade mal wieder die Rauchlust. Wenn ich mir alles verbiete, mich nur kontrolliere, zu hart mit mir selber ins Gericht gehe, ist das nicht liebevoll. Es gilt, jedem Anteil in uns das Seine zu geben - im Bewusstsein, dass wir selber König oder Königin sind in unserem Reich. Habe ich mir meine Rauchlust für eine Weile gestattet, kann ich ihr wieder Einhalt gebieten, denn ich habe das Sagen im Hause, nicht sie. Meine Lunge bitte ich solange um Verzeihung und erkläre ihr die Umstände. Was glaubt Ihr, wird sie mir wohl übel nehmen, wie ich mit ihr umgehe? Wird sie es für unverzeihlich halten?

Wir sind ein komplexes System verschiedenster Abläufe im Körper, wir sind ein komplexes System verschiedenster Bedürfnislagen, viele davon widersprechen sich sogar. Wie sollen wir damit umgehen? Ich habe mich entschieden, jeden Einzelnen zu würdigen und wertzuschätzen, auch die kleinen "unguten" Bedürfnisse, die mir schaden könnten. Ich will nicht einstufen in Gut und Böse, denn alle Bedürfnisse haben ihre Berechtigung und nur zusammen machen sie Mich aus.

 

             

 

                                

 

 

 

 

Diesen letzten Blick auf die Havel schicken wir unseren vier Abreisern heute hinterher. Sie sehen es zwar erst, wenn das Logbuch fertig ist, aber trotzdem können wir ihnen doch sagen, dass es schade ist, dass sie jetzt fort sind.

 

 

 

              

Wir anderen suchen das Ankerplätzchen zur Nacht. Hinter der Schleuse von Brandenburg, nicht in dieser Bucht, sondern in jener.

              

Was machen wir aus den Resten im Kühlschrank?                    Und was mit dem Rest vom Tag?

 

              

Noch gibt's für den Käpt'n an Bord was zu tun,
dann endlich kommt der Feierabend.
Lange Tage hinterm Steuer, fast stoisch, ohne Bewegung,
kein Nachlassen in seiner Aufmerksamkeit.
Die Nacht muss jetzt die Erholung bringen -
im gesunden Zustand kein Problem.
Doch angeschlagen, wird's Kräfte zehrend,
denn auch morgen muss er jedes kleine Schiff, jede Boje sehn.

 

              

 

              

Anker auf, Mannen! Nur noch zwei Faden.                        Der Dom ist vergangene Zeit.

              

Nach Osten gewandt, der Westen wird trübe. Wir grüßen Dich, Sonne. Zum Leben bereit!

 

               

Wir glauben, die Zeit sei linear. Wer das glaubt, für den ist das auch so.

Carlo Rubbia erhielt 1984 den Nobelpreis dafür, dass er nachweisen konnte, dass die Materie nur zu einem milliardstel Teil aus Masse besteht. Die übrigen Teile können die Physiker nicht messen und bezeichnen sie als Vakuum.

Die Masse aber ist noch immer das Einzige, worauf die klassische Physik und die Wissenschaftsmedizin ihre ganze Aufmerksamkeit lenkt.

Paul Davies entdeckt 1990 wie sich der Spin von Elektronen und dadurch die Bindungsfähigkeit von Atomen durch unsere Gedankenvorstellungen ändert. Er kam zu der Erkenntnis, dass die "Natur ein Sklave unserer geistigen Vorstellungen" sei.  Das bedeutet, dass der Mensch die Natur Kraft seines Geistes durch Information beeinflussen kann.

Es gibt überall auf der Welt Menschen, die ihre Arbeit auf dies Wissen aufbauen. Sie sind Pragmatiker. Sie sind unvoreingenommen und können sich vorstellen, dass die Welt eben auch anders funktionieren könnte, als man bisher annahm. Sie sind vielleicht auch ein wenig Abenteurer, denn sie probieren die Dinge einfach aus. Wenn sich dann ein praktischer Erfolg einstellt, wissen sie, dass ihr praktisches Handeln über der theoretischen Vernunft einzuordnen ist.
"Etwas ist wahr, wenn es für eine Person von praktischem Nutzen ist." (ein Zitat, das ich mir aufgeschrieben habe und nicht mehr weiß, von wem es ist).

Meine Frage, die ich damals sofort darunter geschrieben habe, ist folgende: Wenn etwas seinen praktischen Nutzen allmählich verliert, ist es dann immer noch wahr?       Diese Frage ist gerichtet an die Medizin in 100 Jahren.

 

                                   

Zwei Bäume. Zwei Farbspiele. Der Eine lebt, der Andere stirbt. Der Eine ist eingebettet in ein größeres Ganzes, den Anderen trifft eine scheinbar zufällige Entwicklung. 

 

              

Mein Gott, wir sind gleich zu Hause, ich schweif immer so ab. Erst Schwielowsee, dann noch um die Kurve,

              

die Schlössergegend kündigt sich an. Caputh kennt hier jeder, eine Pforte von Potsdam,

 

 

 

 

in der Stimmung schwingt Abschied.

Na gut.  -  Dann bis dann!

 

 

 

        

            

Logbuch vom 25. Juli 2014

 

Lang, lang ist's her, dass ich den letzten Logbucheintrag vorgenommen habe. Man sieht deutlich, dass wir nicht mehr oft mit dem Schiff unterwegs sind und dass ich selber kaum noch dabei bin. Times are changing!

Bernd hat nur noch ein Jahr bis zur Verrentung. Da wurde es Zeit, etwas Neues zu bedenken. Gar nicht so einfach, sich von etwas zu verabschieden, dass man sehr liebt, womit man sich identifiziert, dass einem viele glückliche Jahre beschert hat - ich meine die Jacob van Berlijn. Noch ist sie nicht verkauft, aber sie ist einem Makler übergeben in Rotterdam.

Ich fühle mich wohl in Höhen, im Alten Land, in meinem alten Bauernhaus. Für Bernd ist das Wohnen in so einem Haus keine Option! Langweilig, keine Werkstatt, aber auch keine Erlaubnis, um das Motorrad zum Basteln in die gute Stube zu stellen. Was aber dann? Wie weiter leben?

Es hat ein wenig gedauert, die Neuorientierung - Zeiten, in denen es Konflikte gab. Nicht zu knapp. Sich "ausheulen" bei guten Freunden, über Ria schimpfen, sich Ratschläge abholen, die doch nicht passen. Die Lösung muss nun mal aus einem selber kommen. Und Bernds Lösung heißt

 

 

 

                  Plüschow

 

 

 

Ein Bahnhof in Mecklenburg Vorpommern bei Grevesmühlen, zwischen Wismar und Lübeck, 11 km südlich der Ostsee, direkter Bahnanschluss ins Alte Land und nach Berlin. Bernds neue Aufgabe ab Sommer 2015. Sein Ziel: das Denkmal geschützte Bahnhofsgebäude wieder herrichten und zu einer Wohnstätte machen für einen Eisenbahn verliebten Individualisten, in dessen Leben eine Ehefrau sehr wohl noch vorkommen darf. Eine, wie wir beide finden, glückliche Lösung für unsere Zukunft.

 

Aber jetzt ist noch nicht Zukunft, jetzt ist heute. Und heute machen wir noch kleine Touren mit unserem Schiff. Von der letzten wundervollen Reise will ich nun berichten.

             

Es geht mit einer ganzen Schiffsladung auf der Havel gen Westen in die Mark Brandenburg. Unsere Gäste kommen aus der Schweiz, aus dem Großraum Lüneburg und aus Berlin. Zehn Frauen und zwei Männer, von denen die meisten einander nicht kennen. Für viele also spannend, denn auch unser Schiff ist zunächst fremd.

Was unsere Gäste noch gar nicht wissen, die Route, die wir vorhaben, ist auch uns noch völlig unbekannt. Dass die Havel bis Havelberg fließt, dass es einige Schleusen gibt auf der Strecke, das wissen wir schon, aber ob wir unterwegs frisches Wasser bekommen und Strom, um die großen Akkus wieder aufzuladen, das ist völlig unklar - das Havelwassergebiet ist nicht Holland. Werden wir unseren Müll unterwegs los? Und gelangen wir überhaupt bis nach Havelberg oder setzt die Brückenhöhe bei Rathenow unseren Reisewünschen vorzeitig ein Ende?

 

 

 

 

Eigentlich ist das Ganze also eher eine Expedition in den wilden Westen der Mark Brandenburg.

 

 

 

 

Da aber heutige Expeditionen nicht mehr ganz so aussehen wie zu Cooks Zeiten, Schiffszwieback und Dörrfleisch der Vergangenheit angehören, steht in unserer Kombüse auf einer Fahrt mit Cornelia das Nonplusultra modernster Küchentechnik - der Thermomix. Ein ganz arbeitsamer Junge, der mit in den Urlaub darf und der seinen Platz in unserer Küche von früheren Reisen kennt.

 

 

                

Wir starten in Potsdam am 13. Juli und wählen die Route über Caputh, befahren den Schwielowsee, vorbei an Werder, über die Havelwasserstraße gelangen wir nach Brandenburg,

                              

                         das an einem Wochentag belebter aussieht als an einem Sonntag.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, ob ich wieder einen Logbuchbericht von der Reise machen würde und war mit Fotografieren extrem sparsam. Mir genügte es, die Fahrt zu genießen, mit Freunden zusammen zu sein und mich mal wieder auf eine Schiffsreise einzulassen.

 

 

 

 

Die gute Stimmung an Bord allerdings weckte dann doch eine alte Lust.

 

 

 

Am 2. Abend erreichen wir Rathenow.

                                       

Heute eine eher unscheinbare, ehemals zerstörte Kleinstadt, zu DDR-Zeiten allerdings Zentrum der optischen Industrie. Hier wurden nicht nur Brillengläser für die Bürger der Republik gefertigt, sondern vor allem optische Geräte, fürs Militär genauso von Bedeutung wie für die Schifffahrt. Deshalb steht hier auch mitten in Brandenburg ein alter Leuchtturm aus Rostock-Warnemünde, den die Stadt Rathenow zum Geschenk erhielt, nachdem man ihn an der Küste nicht mehr brauchte.

                         

Wir haben Glück, denn es gibt für unsere hier eher ungewohnte Schiffslänge einen recht idyllischen Liegeplatz.  Der Hafen ist nicht sehr groß. Sogar leisen Strom hat es hier, dann braucht der Generator nicht zu drehen. Freund Thermomix hat nämlich einen Nachteil, ohne Strom will er nicht schaffe.

 

Für die Zubereitung der nächsten Mahlzeit ist es allerdings noch etwas hin, wir haben Zeit, uns von der Sonne auszuruhen. Hierfür eignet sich ganz besonders der wunderschöne Friedhof von Rathenow. Der ist alt und groß und zeugt von langjähriger friedlicher Koexistenz verschiedener Völker.

Auch im Dom ist es kühl und dunkel, eine Besichtigung empfiehlt sich schon deshalb im Hochsommer sehr. 

 

 

                         

Aber auch wir werden heute von Touristen besichtigt. Direkt unter der Brücke liegend, bieten wir so manchem Grüppchen Anlass zum Fachsimpeln. Warum hat das Schiff so große Holzohren an der Seite? Wie richtet man denn diesen Mast auf?

Gott sei Dank schläft der Fußgängerverkehr Richtung Dom am Abend ein, denn ein paar Gäste wollen draußen an Deck schlafen. Katharina nutzt da gleich die Gelegenheit, um mal im Freien unter einer Brücke zu schlafen.

Als Rathenow und auch wir schon gänzlich zur Ruhe gekommen sind, gellt ein unheimlicher Hilfeschrei durch die einsame Nacht. Beinah die ganze Mannschaft sitzt aufrecht mit Herzklopfen im Bett (ausgenommen natürlich die Ohrstöpselschläfer und die von den Strapazen des Vortags völlig ermattete Schiffsbesatzung. Alle anderen stolpern an Deck, man befürchtet Schlimmes. Sind wir Zeuge geworden eines nächtlichen Verbrechens? Muss die Polizei gerufen werden? Man ist ratlos, denn wenig später ist weder etwas zu Sehen noch zu Hören. Sollten wir die Ufer entlanglaufen und die Gegend nach einem Mordopfer absuchen? Niemand möchte das wirklich. Und so gehen alle wieder in ihre Kojen - mit einem noch nachklopfenden Herz.

 

              

Am nächsten Morgen steigt die Spannung für Bernd, denn hinter der kleinen Stadtschleuse naht die niedrigste Brücke auf unserer Reise. Die Angaben über die Brückenhöhen in einschlägigen Tabellen sind sehr relativ, sie beziehen sich auf Wasserstände, die für uns nicht nachmessbar sind und sich nur durch Erfahrungswerte erschließen lassen. Also bleibt uns nichts anderes als Ausprobieren. Versuch und Irrtum. Wer wagt, der gewinnt.  -  Wir gewannen bisher eigentlich oft.

 

Die Reise kann also weitergehen. Jetzt scheint sicher zu sein, dass wir Havelberg auch erreichen.

                   

Noch ein paar Kurven durch die Stadt - auch hier gibt es noch schlafende Schönheit zu entdecken.

 

 

 

Je weiter wir nun vordringen in die unbekannte Flusslandschaft, je mehr fällt uns auf, wie freundlich die "Eingeborenen" auf uns reagieren. Man winkt uns vom Ufer aus zu, man staunt, man holt schnell den Fotoapparat. Unsere Ankunft in dieser Neuen Welt wird mit viel Wohlwollen begleitet.

 

 

 

                 

Was uns noch mehr fasziniert, ist allerdings die Unmenge an GRÜN, der wir begegnen, die uns umgibt. Kilometerlang nur Natur.

                

Mal in der Ferne ein Kirchturm, mal ein paar Schuppen auf Bauernland.

                

Kühe auf Gras, die an der Havel trinken - und Störche, Störche, Störche. Wir alle haben lange nicht so viele Störche gesehen. Es gibt Dörfer unterwegs, wo auf jedem 2. Dach ein mit ganzen Familien bevölkertes Nest zu sehen ist.            "Sei kein Frosch" - ein Spruch, der hier eine ganz andere Bedeutung erhält.

 

               

Unsere Gäste scheinen ziemlich zufrieden. Hauptsache man kann sich vor zu viel Sonne schützen, denn es wird heißer und heißer in dieser Woche.

 

 

 

 

Die Ruhe in der Schleuse, so ganz ohne Fahrtwind, macht das einmal mehr deutlich.

 

 

 

              

Und deshalb zieht es uns regelmäßig vom Schiff in die Havel zu einer Runde Wasserballett. Die vielen Libellen an der Wasseroberfläche zeugen von bester Wasserqualität. Wir geben uns diesem Genuss einfach hin.

 

 

 

Zwischendurch wird für Interessierte auch noch ein wenig die Flora untersucht - ein paar Tauchgänge nach Blesshuhnmanier und man holt so manches hervor. Bernds leeres Aquarium an Bord dient als Zwischenstation zur Aufbewahrung des Grünzeugs für den Gartenteich zu Hause.

 

 

                

Nach erfolgreichem Bade wird Mittag gegessen. Frisch gebackene Kuchen, die Reste vom Vorabend, Salate, frisch gebackenes Brot mit verschiedensten selbst gemachten Aufstrichen, vegetarisch und anders, was der Magen begehrt. Der Tisch wird reichlich gedeckt. Und Schollene lässt sich empfehlen als entsprechendes Ambiente, zumal wir alle dazu noch eine Geschichte hören - die von einem Wassergrundstück und einem Bootsschuppen.

 

 

 

 

 

Mit weicher Haut vom Bade, gesättigt und zufrieden ziehen wir weiter durch diese weiche Landschaft.

 

 

               

Jeder hat inzwischen so sein spezielles Plätzchen an Bord gefunden, das ihm behagt.

 

                                  

Und wer gerade von seinem Buch aufschaut, der sieht, wie die Bäume am Ufer aussehen, denen die letzten Eisschollen bei Hochwasser die Rinde zernagten. Die Milane hat jeder von uns gesehen. Vor allem rote in großen Mengen, über uns, neben uns, hinter uns, immer wieder. Und Christine hat einen Fischadler sogar fotografieren können, wie er sich just einen Fisch aus dem Wasser holt und ihn mitnimmt in seiner Klaue. Nicht nur ein gelungener Schnappschuss, für Ornithologen ein highlight. Schön, wenn für jeden auf der Reise etwas Besonderes dabei ist.

Was ein jeder von uns genießt, ist das zwanglose Erleben einer Gemeinschaft. Zusammengewürfelte Menschen, die sich als Wohlfühlmenschen herausstellen, mit denen man es gut haben kann, lachen, Halma spielen, aufs Wasser schauen, einen Sundowner nehmen, der genauso aussieht wie die untergehende Sonne, und auch einfach mal schweigen. In der Küche wechselt sich das Personal ab, Verantwortung für sich und die Anderen ist etwas selbstverständliches und nichts belastendes. Besondere Dankbarkeit gilt denen, die mit viel Fürsorge für alle vorgedacht haben.

             

Wer so viele Kilometer nur ruhig aufs Wasser schaut, dass er die Fische nicht nur unter sich, sondern schon im Himmel zu sehen glaubt, der gelangt allmählich in eine andere Dimension. Die Stille und Weite machen etwas mit uns. Wir werden enthoben unserer Alltagsstruktur, Erinnerungen werden wach, wir kommen dichter bei uns selber an. Die Einfachheit an Bord trägt ihren Teil dazu bei.

Wir kommen in Kontakt mit Seiten in uns, die wir nicht immer zum Vorschein bringen. Wir entdecken auch uns selber wieder ein Stück mehr. Das Geschenk einer solchen Reise. Ein Geschenk, das wir uns selber machen, weil wir uns einlassen.

 

           

Eben noch bewundern wir den Silberreiher im Schilf, sehen die alte Furt, die über den Fluss geht,

da taucht nach einer weiteren Biegung Havelberg vor uns auf.

Nach all der Weite, den Sümpfen, den Feldern am Rande des Flusses, blicken wir nun auf völlig Unerwartetes in dieser Landschaft. "Der Mont St. Michel ist ein Sch.. dagegen" ist Bernds spontaner Ausdruck für das, was immer näher kommt.

Vor uns erhebt sich in der Ferne eine uralte Festung. Hoch oben thront auf der Havel ein riesiger Dom. Die Stadt selber liegt auf einer Insel im Fluss. Wer sich Havelberg mit dem Auto nähert, gewinnt diesen besonderen Eindruck nicht, den erhalten nur wir.

 

              

Die ersten Menschen, die überhaupt durch diese Gegend streiften, ließen sich hier bereits nieder - archäologische Funde aus grauer Vorzeit bestätigen dies. Die Havelinsel bot Schutz vor wildem Getier und der Havelberg diente später dem rechtzeitigen Erspähen feindlicher Horden. Sehr, sehr früh schon gab es auf dem Berg eine ummauerte Festung.

Götter aller Couleur waren hier zu Hause im Laufe der Zeit, denen man auf unterschiedlichste Weise zu dienen pflegte. Und irgendwann kamen die ersten Christen mit einem Schiff die Elbe hinauf, bogen ein in die Havel und befanden, dass sie hier bleiben müssten. Ein strategisch günstiger Ort. Handel entwickelte sich. Der Dom wurde gebaut. Im 12. Jahrhundert wird erstmals der Bischof erwähnt - da stand der Dom aber bereits.

              

Inzwischen sind wir um Havelberg fast herumgefahren, auf der Suche nach einem Liegeplatz. Wir werden fündig, erhalten noch Wasser und Strom, sogar unseren Müll werden wir los. Unsere Gäste schwärmen aus, zum Supermarkt, zur ersten Erkundung, zum Abstand nehmen vom Schiff. Und Bernd und ich suchen ein Plätzchen mit Blick auf den Hafen, denn wir sind angekommen am Ziel unserer Reise, mit der Jacob die Havel hinunter bis sie sich in der Elbe verliert.

                                                    

 

 

Verloren gegangen ist auch der einstige Glanz, die Bedeutung von Havelberg.

              

Wohl liegt der Dom immer noch majestätisch da oben auf seinem Berg, der Lettner in seiner Gestaltung zeigt die Hand eines Künstlers - für wen aber ist das heute noch von Bedeutung? Wie viele Menschen kommen noch in Havelberg vorbei? Die Wasserstraße hat kaum noch eine Bedeutung, vom Schienenverkehr ist es längst abgekoppelt, nur noch mit Auto und Bus zu erreichen,

 

 

so liegt das Städtchen dort unten und erinnert sich grad noch im Traum an eine sehr lebendige Zeit. Es ist doch unglaublich, was der Lauf von Geschichte vermag.

 

 

 

 

             

Sommer und Winter gibt es eben nicht nur in der Natur. Ganze Städte halten Winterschlaf, vielen geht es dabei wie Dornröschen, aber manch eine wird nie wieder so richtig wach geküsst.

Als wir nach Havelberg einfuhren mit unserem alten Segelschiff war es, als ging ein Erinnern durch diese Stadt. Die Bewohner, die uns bemerkten, hielten inne, traten an ihre Zäune, freuten sich, winkten uns zu von Balkonen, Terrassen, aus Gärten - tja, so ein üblicherweise vorbeiziehendes Fahrgastschiff erregt eben niemandes Phantasie.

 

Am 4. Tag um die Mittagszeit treten wir unsere Rückreise an. Derselbe Weg, einen anderen gibt es nicht.

              

Wir kommen langsamer voran, denn nun fahren wir "zu Berg", wie es in Binnenschiffersprache heißt, den Fluss wieder hinauf. Trotz verschiedener Schleusen unterwegs macht sich das Gefälle auf diesem Abschnitt sehr deutlich bemerkbar. Der Schwalben sind es inzwischen genug, um die sommerliche Hitze zu erklären, ein wenig Fahrtwind tut gut.

            

Abkühlung für Mensch und Tier bietet das Wasser, die Landschaft nimmt die Hitze einfach nur auf. So sucht Bernd zum Übernachten diesmal einen Platz, an dem sein Schiff gut vertäut in der Strömung liegt. Wer von uns will aber, kann baden.  Bei Schollene liegt ein leerer Steiger im Wasser, an dem machen wir Halt.

              

Feierabend für heute. Landgang, wer will. Ein kleiner Tross setzt sich schnell in Bewegung.

              

Den Feldweg entlang, er führt nach Schollene.

               

Hier ist nichts außer Ruhe, die Zeit scheint wie still.                     Nur unser Fluss, der hat eine Richtung.
Wir brauchen im Wasser eine Verbindung zum Schiff, sonst trägt uns die Strömung zurück in das Gestern.

 

 

 

 

 

 

Glücklich ist der, der diese Verbindung jederzeit herstellen kann.

 

 

In mir trägt still der Ruhe Strom
Ein Schiff, beladen satt
Im Bauch der vielen Arbeit Lohn
Behäbig, schwer und matt

So festlich ist mir heut' zumut
Als würde Einer kommen
Der in mir weckt die letzte Glut
Die Kraft, die fast zerronnen

Ich brauche Dich, mein Animus
Du wirst mein Herr Gemahl
Mit Dir verschmelz' ich innerlich
Du bist die höchste Wahl

Nimm Du mein Steuer jetzt zur Hand
Gib Acht, das Schiff ist schwer
Ich übergebe Dir den Kahn
Geb' alle Sorgen her

Den Rest der Reise steuerst du
Wir sind auf Lebensmitte
Ich ruh' mich aus und schau dir zu
Und hab' doch eine Bitte

Bedenke stets, wer ihn geladen
Den großen, satten, schweren Kahn
Sei eingedenk der teuren Ladung
Bevor Du läufst die Häfen an

Bevor Du gibst die Schätze fort
Bedenke, wem sie nützen
Gib gerne und am rechten Ort
Es gibt nichts mehr zu schützen

                                                                                                                   (Ria Wahlen-Cordes)

 

              

Und bevor wir heute Abend unser Bett im Kornfeld aufschlagen, wird hier wie immer noch ans i-Tüpfelchen gedacht.

              

Wenig später entledigen wir uns alter Sorgen,                 und noch später wird dann das Bett gemacht.

 

 

 

 

Zieht erst noch Lachen über den Fluss,
wird's langsam dann stiller -
und schließlich auch Nacht.

 

 

 

             

                                                                  Kühle um fünf,

              

und Hitze um zehn - Du, Bernd, lass uns schnell wieder baden geh'n!

Nicht überall im Fluss geht das.

Es will eine geeignete Stelle gefunden sein.

Hier z.B. hielt früher die NVA ihre Wasserspiele ab, Ausbildung der amphibischen Truppe. Noch so eine Woche für uns und auch wir gehören  wieder zu den Amphibien.

Also los, wo können wir das nächste Mal ins Wasser schlüpfen?

 

 

 

 

             

Lasst uns die Schotten überraschen, die da so ruhig an der Havel im Sand buddeln. Bernd fährt mit dem Bug des Schiffes direkt auf ihren Strand.

              

Jorke will auch baden und Frederike bringt ihn ins Wasser. Zurückschwimmen zur Leiter, alleine, das will er nicht. 
Er braucht halt immer eine kleine Sonderbehandlung. Unsere Gäste stört dies jedoch nicht.

            

Haben wir an diesem Tag noch etwas Anderes gemacht außer Baden? Nach einigem Fahren befinden wir uns schon wieder in der nächsten Bucht. Ein Seitenarm der Havel bietet sich an. Hier können wir Mittag essen und  - sogar mutig sein. Denn wir haben einen kleinen Nachzügler an Bord in puncto amphibischer Rückentwicklung.

 

                

Das letzte Bad dann kurz vor dem Schlafengehen, die Weite genießen im Plauer See. Den Abend beschließen mit In die Ferne blicken. 

                                                      

                                                 Fehlt heut noch etwas? Ich denke, nee!

 

Der letzte Tag unserer Reise, er war der heißeste. Mein Kompliment an die Gäste, denn -
ohne Schatten, wie übersteht man das?

Und ich glaube, da hat Simon die richtigen Worte gefunden:
"Die Stimmung war gut.  -  Wir haben gelacht und es lustig gehabt."

 

 

 

 

Nicht für alle Tage ist so ein Schiff geeignet, doch als Erinnerung tut es sehr gut. Um uns zu erinnern, was gute Gemeinschaft bedeutet und Einfachheit, draußen sein, Leben mit der Natur.

 

 

 

              

Schöne Zeiten kann uns niemand mehr nehmen, Aufnahmebereitschaft allein ist gefragt, um Anderes zu überstehen, das wir uns nicht wünschen, das uns schwer verzagt.


Das Leben so nehmen, wie es grad kommt,
uns selbst dabei niemals vergessen,
erfindungsreich sein, spontan und versessen,
auch das zu fühlen, was uns nicht frommt.

Denn nur um zu leben, sind wir gekommen,
nur um wir selber und das immer zu sein.
Die anderen Aufgaben stellt uns das Leben.
Drum lasst die Geschenke auf dem Wege herein.

 

 

Für mich war diese Reise ein Geschenk in mehrfacher Hinsicht. Es hat zum Teil auch mit Euch zu tun. Als Erfahrung ist alles gebunkert, Erfahrungen von Lebendigsein. Wenn ich das habe, werden Ziele belanglos, alles, was vorher so wichtig war. Es macht mich zufrieden, glücklich, vertrauter - vertrauter mit mir - ich bin einfach da.

Ich gewinne meinem Leben ab, was ich kann. Euch wünsch ich dasselbe. Und nun endlich

Tschüß. Und vielleicht - Bis dann.

Ria

 

 

    

Logbuch, geschrieben am 22. und 23. Mai 2013

 

                                                                      Gleich mal vorweg: Die Ente ist zurück!

                   

Sie sitzt wieder auf ihren Eiern und brütet. Wir haben nachgelesen: Das richtige Brüten beginnt erst, nachdem sie alle Eier gelegt hat, und das können eine ganze Menge sein. Als wir am Freitagabend unseren Liegeplatz verließen, lagen erst 5 Eier im Nest. Sollte sie also noch weitere legen, dann beginnt ja nun erst die Brüterei. Zur Erklärung für alle Nichteingeweihten: Bernd wunderte sich vor einiger Zeit, dass immer eine Ente bei ihm übers Deck watschelte, dachte sich jedoch weiter nichts dabei. Nach unserer ersten Tour in diesem Jahr stellte er fest, dass mit der Steuer-Hydraulik etwas nicht in Ordnung war. Er schraubte also den Kasten los, der sich um die Hydraulik-Anlage auf dem Achterdeck befindet und staunte nicht schlecht, als er in dieser dunklen Höhle eine Ente entdeckt, die auf ihrem Nest sitzt. Sie ist durch eine unscheinbare kleine Seitenöffnung in Bernds Kasten in dessen Inneres gelangt. Nun sind wir am Freitagabend allerdings aufgebrochen für eine 3tägige Pfingsttour mit Freunden und mit ihren Eiern, die Ente war nicht an Bord.

Jedes Leben - und sei es noch so friedfertig - stößt in der Gewahrung seiner eigenen Interessen und Bedürfnisse zwangsläufig an diejenigen anderer Lebewesen. Im religiösen Kontext heißt dies: Jeder Mensch kann nicht umhin, sich schuldig zu machen. Und wenn wir auch mit diesem Schuld- und Sühne-Prinzip von "Kirchens" absolut nichts mehr am Hut haben, so möchte ich wetten, dass mindestens 85 % aller Menschen mit irgendwelchen Schuldgefühlen behaftet sind - bewusst oder unbewusst. Da hat sich unser Kopf dieser Thematik schon weit entrückt und in unserem unteren Rücken stecken sie noch, die unverdauten Emotionen.

Aber wovon rede ich hier eigentlich? Wir haben gerade eine wunderschöne Pfingsttour gemacht durch die Gewässer Berlins. Und davon wollte ich berichten!

 

                  

Nach Verlagerung großer Mengen Lebensmittel aus Berliner Bioläden zu uns an Bord und der Einschiffung einer im Verhältnis dazu eher kleinen Gruppe Reisender verlassen wir noch am Abend des vorpfingstlichen Freitags die Neustädter Havelbucht, um gleich draußen auf dem Wasser zu sein die erste Nacht. Im Abenddunst segeln noch ein paar Boote vor der Pfaueninsel und ein Binnenschiff schiebt sich, vom Teltowkanal kommend, durch die Glienicker Brücke.

 

                                

Es ist eine ganz ruhige Stimmung auf dem Wasser, die Entspannung unter den Gästen stellt sich schnell ein. Im Schatten der Heilandkirche nahe des Schilfgürtels, der sie umgibt, dümpelt das Schiff an seinem Anker. Die ersten gehen bereits baden - ein Genuss, wenn sowohl Temperatur als auch Wasserqualität stimmt.

 

 

                                                                                                                                

 

Samstag ist ein Regentag.

Zeitweilig ist es sogar besser, unten im Schiff zu bleiben, denn der Teltowkanal hat ein paar öde Streckenkilometer. Bernd muss das absitzen. Aber er liebt auch diesen Teil des Berufs.

 

 

 

 

                 

Dafür, dass man im Grunde mitten durch Berlin fährt, ist die Aussicht jedoch unerwartet reizvoll.

 

                 

Kleine Uferszenen, die Geschichten erzählen, eine Pferdeweide in der Stadt. Bewegt man sich auf den Autostraßen wird man dies nicht entdecken.

 

                 

Wer hier wohnt, erlebt Großstadtleben noch mal anders. Idylle am Kanal. Man darf nur nicht allergisch sein gegen das niederfrequente Tuckern der Binnenschiffmotoren oder gegen den Anblick von Ruderern.

 

                    

Die vielen Brücken, unter denen wir durchfahren, bezeugen, dass einige Meter über uns noch eine andere Welt existiert, die, aus der wir alle kommen.

 

                    

Weit und breit nur grün. Fahrradwege am Uferrand, die allerdings mehr von Joggern benutzt zu werden scheinen. Und hin und wieder eine Wasserbaustelle. Die Brücken müssen repariert werden. Die Werkwinden auf den Schuten haben immer so ein freundliches Arbeitsgesicht, dabei sind sie nur eine Nummer im Betriebsvermögen des Wasser- und Schifffahrtsamtes. Ich mag sie wohl leiden, denn sie grüßen mich immer.

 

 

Auch so einer, der sich die Stimmung vom Regen nicht vermiesen lässt.

Die anderen an Bord natürlich auch nicht, denn wen fotografiert Konrad sonst wohl oben an Deck?

Der Regen hat uns nicht wirklich geplagt, Samstag. Also verbuchen wir diesen Tag doch auch einfach unter "erfolgreich".

 

 

 

                       

Die Schleuse Kleinmachnow lässt mich daran erinnern, dass ich als Matrosin auf einem Schiff arbeite. Wir werden, von der Havel kommend, in Richtung Spree zweieinhalb Meter nach oben geschleust und das Umlegen der Taue erfordert doch jedes Mal wieder Konzentration. Der Schleusenwärter hat uns bei roter Ampel als erste hineinfahren lassen, denn die Freizeitkapitäne der Motorboote sind meist sehr ängstlich und unsicher, was das Festmachen angeht. Sie rücken nie ganz nach vorne, ist der Andrang auch noch so groß. Alles Männer übrigens, die nicht mal vorwärts vernünftig einparken können.

Kleinmachnow ist eine Gemeinde in Brandenburg, die im Norden an Berlins Stadtteil Steglitz-Zehlendorf angrenzt und Potsdam ist auch nicht weit entfernt. Wen wundert's da, dass haufenweise junge Familien sich diese attraktive Wohnlage erwählen, um alles zu haben, was man sich wünscht. 30 % der Einwohner Kleinmachnows sind unter 25 Jahren - kein Ort für Menschen, die empfindlich auf Kinderlärm reagieren. Aber auch für diese bietet Berlins Umfeld besonders reizvolle Gemeinden.

 

 Und da sind wir schon wieder im Stadtgebiet Berlins.

Wir passieren das Heizkraftwerk Lichterfelde, das schwerpunktmäßig für Strom und Wärme im Süden dieser Metropole sorgt. Früher mit Schweröl betrieben, verbraucht es heute Unmengen von Erdgas.

Ich würde so gerne miterleben, dass die Menschheit sich nicht mehr der Vorräte dieser Erde bedienen muss, um Energie zu erzeugen. Aber da nachweislich Hunger oder Fastenzeiten zur Neurogenese beitragen, kann es sein, dass wir erst richtig kreativ werden können, wenn wir nicht mehr alles haben.

 

Nicht mehr alles zu haben, bedeutet zweifelsfrei auch Entlastung von Überfluss, der Blick auf das Wesentliche wird wieder frei. Das Wesentliche aber ist immer einfach, das Wesentliche ist nie kompliziert. Und es sagt schon eine Menge aus über unsere Welt, wenn wir alle das Einfache und Wesentliche nicht mehr finden können.

 

Auch im Verlauf der Spree reihen sich verschieden breite Wasserbecken aneinander, Seen genannt.

Im Seddinsee finden wir Samstagabend einen geeigneten Platz für unser Nachtlager. Bernd fährt mit dem Kopf ans Ufer heran, denn Jorke kann unser Klo nicht benutzen, er braucht fremden Boden unter den Füßen und aufragende Teile, die in der Landschaft stehen - ein Grasbüschel tut's zur Not auch.

Wir richten eine kleine Fährverbindung mit dem Rettungsboot ein, so braucht niemand ans Ufer zu schwimmen.

 

Die Smutjes in der Küche schaffen es wieder einmal, ein wohlschmeckendes vegetarisches Essen zu kredenzen, das allen Lebensmittelunverträglichkeiten, Allergien und Karenzen gerecht wird. Der kleinste gemeinsame Nenner bietet hier immer noch große Vielfalt und ist beileibe kein Mangelerlebnis. Ein bemerkenswerter Aspekt, wie ich finde, der einlädt, um ihn auf andere Gebiete des menschlichen Miteinanders zu übertragen.

 

Am nächsten Morgen gehen unsere Motorbootnachbarn rechtzeitig auf Position. Sie tragen ihre Komfortstühle einige Meter weiter, um sich nicht abrupt bewegen zu müssen, wenn sich unsere Abfahrt nähert. Man will wohl sehen, wie das große Schiff da wieder raus kommt, aus der Uferzone. Und auf diese Weise lässt sich das kommende Ereignis stressfrei abwarten.

Was der geneigte Leser an diesem Bild aber auch erkennen kann, ist die geänderte Wetterlage am heutigen Pfingstsonntag. Wir betrachten dazu den Mann im rechten Feld des Bildes und stellen erstaunt fest, dass dieser sich schon am frühen Morgen mit einem Minimum an Bekleidung begnügt.

 

 

                   

Roland hingegen trägt heute morgen eine Kombination aus unserer diesjährigen Sonnenschutzkollektion. Die luftige Variante für jeden Bewegungsorientierten, der sich auch gerne mal auf der Pirsch befindet. Dezent und doch ein Hingucker.

Angela trägt passend zum hochaktuellen Silbergrau ihrer Haare eine leicht fliederfarbene Bluse aus kühlendem Leinenstoff. Die leichte Bermudashorts - hier nicht im Bild - erlaubt Bewegungsfreiheit an Bord. Ein dezenter Ohrclip im Farbton der Haare unterstreicht das Gesamtbild.

Es ist heute nicht mehr notwendig auf Segel-Kreuzfahrten, sich durch ein blau-weiß-gestreift eine maritime Ausstrahlung zu verleihen. Gerade die Akzentuierung der individuellen Natur gibt dem modebewussten Menschen von heute den lange vermissten Freiraum in seiner Kleiderwahl.

 

Das war im angehenden 20. Jahrhundert noch ganz anders.

Zu dieser Zeit entwickelte der Belgier Leo Hendrik Baekeland einen duroplastischen Kunststoff, den er Bakelit nannte und auf dessen Herstellung er ein Patent anmeldete. Im Mai 1910 gründete er zusammen mit Julius Rütgers die Bakelite GmbH in Erkner bei Berlin. Bei den Rütgerswerken fiel im Zusammenhang mit Steinkohlendestillation jede Menge Phenol als Abfallprodukt an, den man zur Bakelitherstellung benötigt. Die Bakelite GmbH stellte als erster Betrieb in der Welt industriell Kunststoffteile her. Schöne Kunststoffe. Welche, die gar nicht aussehen wie Plastik. Leider nicht mehr in Mode. So wie der Trabi, denn - seine äußerste Hautschicht bestand aus ...? Na?    Richtig! Auch aus  duroplastischem Kunststoff.

 

Wie man dem oberen Text entnehmen kann, befinden wir uns auf unserer Tour nun im südöstlichen Stadtrand von Berlin. Die Stadt Erkner war ein unscheinbares Fischerdorf, bis sich dort in der Mitte des 18. Jahrhunderts 3 Pfälzer Bauernfamilien ansiedelten. Mit ihnen begann der Aufschwung. Sie folgten der Einladung zur Binnenkolonisierung Friedrichs des Großen, die von all denen erhört wurde, die in ihrer Heimat verfolgt wurden, sich nicht wertgeschätzt oder erkannt sahen.

Zur gleichen Zeit ließ der Alte Fritz 1.500 Maulbeerbäume in Erkner anpflanzen, von denen heute nur noch ein einziger Baum übrig ist. Das Holz der Maulbeere ist hart und dauerhaft, es läst sich gut polieren. In Asien findet es Verwendung beim Bau hochwertiger Musikinstrumente. In Erkner sind die Bäume allerdings im Laufe der Zeit alle dem in dieser gesamten Region vorherrschenden Ruderwahn zum Opfer gefallen. Wer in dieser Szene auf sich hält, benutzt ausschließlich Maulbeerriemen oder -skulle. Die Kanuten schwören ebenso auf Maulbeerholz bei der Herstellung ihrer unterschiedlichen Paddelformen. Und - ob Ihr es glaubt oder nicht - man hört den Unterschied am Klang.

 

                

Doch wir wollen heute, am allerschönsten Tag des diesjährigen Frühjahrs nicht an große Anstrengungen denken in Bezug auf unsere Leiblichkeit. Wir wollen ausatmen, was uns belastet und quält, wir machen ein Wellness Wochenende auf der Jacob van Berlijn. Das Wasser ist schon eingelassen im Flakensee und Bernd prüft hier gerade noch die Badetemperatur. Wellness ist ein inzwischen oft gebrauchter Begriff, der heute gemeinhin fälschlich interpretiert wird. Man verbindet damit zumeist passive Wohlfühlangebote der Hotellerie. Weit gefehlt! Der amerikanische Wellness Pionier Ardell verbindet mit diesem Begriff einen Zustand von Wohlbefinden und Zufriedenheit, der sich immerhin aus 5 Faktoren ergibt, als da sind: Selbstverantwortung, Ernährungsbewusstsein, körperliche Fitness, Stressmanagement und Umweltsensibilität. Besorgt durch die Explosion im US-amerikanischen Gesundheitswesen in den 70ern beauftragte die US-Regierung Ardell und Travis neue ganzheitliche Gesundheitsmodelle zu entwickeln, die auf Prävention abzielten und die Eigenverantwortung des Menschen für seine Gesundheit in den Fokus rückten. Die Jacob van Berlijn ist eine anerkannte Wellness Insel, die unter Berücksichtigung aller 5 Faktoren das Augenmerk wieder zurückführt auf die Einfachheit im Umgang mit Ernährung, Natur und Stressbewältigung.

 

 

 

Hier wird das Rhabarberputzen zum sozialen Erlebnis, zur interurbanen Kommunikationsebene. Die Energie von Freude und Gelöstheit findet sich später wieder im Dessert.

 

 

 

Den wohl schönsten Teil unserer gesamten Reise, was die Umgebung betrifft, habe ich nicht fotografiert. Es ist der Flakensee mit anschließender Müggelspree und dem großen Müggelsee. Ich benötigte selber ein wenig Rückzug und als ich wieder an Deck auftauchte, wusste ich vor lauter interessanten Ausblicken nicht, was ich in den Fokus nehmen sollte meiner Kamera. So habe ich es lieber gleich ganz gelassen. WEGLASSEN ist auch so etwas, das man nicht verlernen darf.

Und so habe ich den schönsten Tag unserer Reise, der noch durch ein ruhiges Dahintreiben am Wind gekrönt wurde und seinen Abschluss fand im nächtlichen Schaukeln vor Anker, nicht durch Fotos dokumentiert. Er bleibt dennoch unvergessen.

 

                 

Es ist Pfingstmontag, es ist deutlich kühler und bewölkt. Wir sehen uns Köpenick von der Wasserseite aus an.

 

                                

Modernes Wohnen und Leben im Ostteil der Stadt.

 

                      

Bernd und mich erinnert Köpenick ein wenig an Holland. Und zwar an Zaandam, alte Industriekultur, die bewahrt, gezeigt und einer z. T. neuen Verwendung zugeführt wird.

 

                                                

Hier sehen wir das berühmte Rathaus der Stadt - von hinten.

 

                 

Klara Bella gehört dem Wasser- und Schifffahrtsamt und sorgt für Sauberkeit im Wasserbereich. Die alte Fabrik weiß noch nicht so recht, was aus ihr werden soll.

 

                

Über 7 Brücken musst Du gehen - und ich muss noch viel mehr abgerissene Zumachbänder an unsere Segelplanen wieder annähen. Der heutige Tag eignet sich optimal für diese langwierige Beschäftigung - alles Wirken unter dem Himmel hat seine eigene Stunde (oder so ähnlich).

 

             

Ein klitzekleiner Weinberg auf der Strecke und man sieht den Weinbauern sogar noch kniend zwischen seinen Rebstöcken hocken. Und die Stühle vierer abwesender Besitzer. Alle 5 könnten praktizierende Buddhisten im Osten sein. Vielleicht sind sie schon alle "erwacht" in der Erkenntnis, die sich aus der Befreiung des leidhaften Daseins ergibt. Der Eine befreit sich von der Illusion der körperlichen Mühe, die Anderen geben sich materieller Abhängigkeiten gar nicht mehr hin.

 

                

                                            Und hier die Tempel der noch Schlafenden.

 

Berlin ist so vielfältig, Berlin ist so wunderbar, Berlin ist eine Metropole, eine Mutterstadt, die uns versorgt.
(Das habe ich mir nicht ausgedacht - metropolis kommt nun mal aus dem Altgriechischen und heißt Mutterstadt!)

 

Wir sind am Ende unserer Tour. Der Klüverbaum zeigt bereits in Richtung Potsdam, abends erreichen wir wieder unseren Ausgangspunkt.

Die Taschen werden gepackt, die Lebensmittelvorräte, die noch übrig sind, aufgeteilt.

Da fällt mir noch etwas ein, das ich ergänzen möchte. Heute morgen las ich in Bernds Lieblingszeitschrift einen kleinen Artikel, der mir etwas erklärte, das mich schon immer irritierte. Unter der Überschrift und Frage "Warum fotografieren Menschen ihr Essen, Frau Barlösius?" erklärt mir die Professorin an der Uni Hannover, die das Buch geschrieben hat "Soziologie des Essens" (ich zitiere):

"Essen ist ein zentrales Gebiet auf dem man seine moralischen und ethischen Überzeugungen, seinen Geschmack und Lebensstil dokumentiert. ... In akademisch geprägten, urbanen Schichten wird es nicht mehr geschätzt, ähnlich leidenschaftlich über Autos zu reden. Über das Essen können sie soziale Differenz ausdrücken. Etwa am Olivenöl. Wo kommt es her, ist es bio? Essen ist ein Thema, das mit reflektierter, moralischer Lebensführung verbunden wird. Gleichzeitig zeigt man, dass man zu einer sozialen Schicht gehört, die dieses Gesprächsthema überhaupt beherrscht." Spiegel: Wenn wir über Essen reden, dann reden wir darüber, wer wir sind?
Barlösius: Wir reden darüber, wer wir sein wollen. Und mit den Fotos zeigen wir, wie die anderen uns sehen sollen.

Mir fällt dazu der Spruch ein, der seit Jahren in der Küche meiner Cousine Steffi am Schrank prangt:

Wer einen guten Braten macht, hat auch ein gutes Herz!

 

Ich bin jetzt fertig mit meinem Logbuchbericht. Es hat mal wieder Spaß gemacht, meine Fotos zu einer Geschichte zusammenzufassen. Die unscheinbarsten Aufnahmen geben zum Teil so viel her - an Inspiration, an Thematik, die sich dahinter verbirgt - nichts von dem weiß ich vorher. Es ist ein Entdecken beim Schreiben. Diese Freude und Lust, die mir zufließt in dieser Arbeit, lässt mich heute ohne Murren ans Saubermachen des Schiffes gehen. Die Küche unten sieht noch genauso aus wie Montagabend. Die Bettwäsche ist beim heutigen Sonnenschein draußen schon nebenbei getrocknet. Sie duftet nach Seefrische, die nun über die Betten kommt. Samstag kommt eine Kollegin von Bernd mit ihrer Familie zu Besuch, da muss alles wieder präsentabel sein, versteht sich.

Pfingsten war ein tolles Wochenende mit Euch. Ich hätte nichts gegen eine Wiederholung.

Liebe Grüße noch mal an alle

Ria

 

 

 

Logbuch vom 5. Mai 2013

(Es ist eine Weile her, dass ich das letzte Mal Logbuch geschrieben habe. Die Resonanzen auf den letzten Eintrag waren unterschiedlich, von manchen wurde mein Anliegen gar nicht richtig verstanden. Das waren die, die diesen Eintrag erschreckend fanden. Andere teilten mir sofort mit, wie sehr sie selber sich doch in vielem Gesagten wieder fanden. Ich glaube, mir geht es um Beides. "Erkenne Dich selbst" ist hier das Motto, mach Dir und damit auch allen Anderen nichts vor. Sei in erster Linie ehrlich und wahrhaftig mit Dir selber. Akzeptiere, wer und wie Du bist. Wer Dich so nicht mag, kann ja weggehen. Aber genau das ist das erschreckende Problem, denn es könnten ja Menschen, die wir mögen, Gebrauch davon machen wollen.

Nun - diese Frage entscheidet jeder für sich. Die Einen trauen sich, ganz sie selbst zu sein, die Anderen versuchen, es vielen Recht zu machen. Kann man auch, wenn man damit auf Dauer glücklich ist. Jedenfalls ist es ein Irrtum, zu glauben, dass diejenigen, die sich selbst wirklich leben in ihren Bedürfnissen und Eigenheiten, dadurch zwangsläufig zu den größten Egoisten im Lande zählen. Und selbst, wenn es so wäre - ein Jeder hat die Möglichkeit, einem Egoisten Paroli zu bieten, wenn er denn seine eigenen Bedürfnisse kennt und diese auch wahren möchte. Nur kann das Konflikte hervorrufen, Konflikte, vor denen sich ach so viele Menschen schon im kleinsten Kreise ihrer Ehe oder Familie fürchten. Wer sich also von seiner Angst beherrschen lassen möchte in seinen Handlungen, seinen Lebensentscheidungen, der soll das mal tun. Wir alle haben jeden Tag die Möglichkeit, zu entscheiden, was wir wollen und vor allem auch, was wir wirklich brauchen, um glücklich zu sein.)     -    Ich kann nicht einen neuen Logbucheintrag starten, ohne auf den vorherigen noch einmal Bezug genommen zu haben nach so viel Monaten der Funkstille.

 

Aber nun geht es zu unserem Erlebniswochenende mit den ehemaligen Baupionieren des Bunker Harnekop bei Strausberg. Auf den Tag genau 40 Jahre ist es her, dass unsere Männer an Bord, damals so um die 18 Lenze zählend, nach Einberufung des Wehrkreiskommandos der DDR zum Grundwehrdienst, in Bernau auf Lkw verfrachtet wurden und höchstgeheim zu einem Ort gefahren wurden, den niemand kennen durfte (wahrscheinlich über viele Umwege und so, dass kein Neugieriger sie hätte verfolgen können. Die Augen wurden ihnen verbunden, sie wurden vorher dreimal im Kreis gedreht und - ab ging die Post). Sie fanden sich wieder in einem gut gesicherten Niemandsland, auf dem zunächst nur Baracken standen, in denen sie jeweils zu Acht auf einer Bude Unterschlupf finden sollten. Noch kannte niemand die Aufgabe, die vor ihnen lag.

Sie waren auserkoren, das Objekt 16/102 zu errichten. Eine große Bunkeranlage, die als die Hauptführungsstelle des Ministeriums für Nationale Verteidigung der DDR dienen sollte. Hier wollten sich ein paar Hundert Menschen vom Führungsstab verschanzen, falls es zu einem Atomkrieg mit dem Westen kommen sollte. Denn nach so einem Krieg, das weiß man ja, sind gerade diese Menschen diejenigen, die zum Aufbau einer neuen Gesellschaft am dringendsten benötigt werden. Vorher konnten sie von hier aus noch so gut wie möglich ihren Krieg organisieren, denn über Bunker geschützte Funkverbindungen hatten sie Kontakt zum Oberbefehlshaber des sowjetischen Generalstabs, zum Oberbefehlshaber der Vereinten Streitkräfte und zu allem, was sonst noch von höchster Wichtigkeit ist in einem solchen Fall.

Glücklicherweise hat die Geschichte noch ergeben, dass nicht diese Kontakte in Anspruch genommen werden mussten, sondern stattdessen der Kontakt zum Westen besser wurde. Die Bunkeranlage Harnekop ist fertig geworden, man kann sie heute besichtigen, nur gegen die Feinde von heute, wenn man dies Wort mal dafür gebrauchen möchte, ein Bankensystem, das unsere Kohle verzockt, Konzerne, die sämtliches Saatgut dieser Erde zu ihrem Privatbesitz machen wollen, die Pharmaindustrie, der nicht an der Gesundheit der Menschheit liegt, sondern gerade daran, dass Menschen schön krank sind und bleiben, um nur mal ein paar davon zu nennen - gegen diese Feinde braucht man sich nicht mehr in Harnekop zu verschanzen, es sind die anonymen Feinde unserer Menschheit.

 

Und obwohl das ganze Bauvorhaben Harnekop - wie auch viele andere in Ost und West, die ähnlichen Zielen dienen sollten - völliger Schwachsinn ist nach meinem Dafürhalten, verdanken diese Männer dem Bunker ihre nunmehr 40jährige Freundschaft. Und das finde ich wiederum richtig toll.

So viele Geschichten gibt es, an die man sich gemeinsam erinnern kann: Wie z.B. der 10-Ender Engelmann, das "Delikt der Kompanie", es schaffte, schon gleich am 1. Tag in den Knast zu wandern und diesen dann immer wieder besuchen musste, nicht etwa, weil er ein Rabauke war mit kriminellen Tendenzen, nein, weil er einfach ein normaler Mensch blieb in der Armee und manchmal vergaß, sich anzupassen.

 

 

                

Unser Treckwanst-Spieler Wedekind, der vor 35 Jahren mühsam die Adressen vieler ehemaliger Bau-Genossen ausfindig machte (ohne Telefon und Internet und nach der Umstellung der Postleitzahlen in der DDR war das damals gar nicht so einfach) und damit den Grundstein legte für ein regelmäßiges Wiedersehen der Truppe, sorgte das ganze Wochenende für eine ausnehmend gute Stimmung. Sein Gehirn verfügt über einen Extraspeicher für gute, dabei auch schlüpfrige Witze, die er nach Belieben abrufen kann - und er demonstrierte uns an diesem Wochenende einen Teil dieser Speicherkapazität. Auf dem polnischen Schubschiff, das zur selben Zeit das Spandauer Gemünd verließ, ging es sicherlich nicht so gesellig und amüsant zu wie bei uns.

 

                

Der Wind brachte Samstag nur ausnehmend kleinen Schiffen eine gute Brise - trotz aller aufgestellten Segelohren kamen wir nicht wirklich mit seiner Hilfe voran.

 

                

Doch dank unseres Caterpillar Schiffsdiesels zogen wir an der Villa Lem vorbei, sahen, wie die DLRG schon all ihre Aufsichtsplätze rundum besetzten,

                           

die Skyline von Spandau verblasste allmählich im Hintergrund und wir kamen dem Wahrzeichen dieses Segelreviers, dem Grunewaldturm, näher und näher. Er ragt hoch über dem noch jungfräulichen Grün der Laubbäume hervor.

 

               

Wie ein freies Fischlein im Wasser zogen wir auf dem Spiegel des Sees vom einen Ufer zum anderen und konnten Zeuge werden von dem bereits vorhandenen Badewillen so manchen Berliners. Die Stimmung blieb gut, die Sonne verwöhnte uns mit ihrer Wärme, die Zeit verrann. Irgendwann mussten wir umkehren, denn die gute Thüringer Wurst wartete bereits sehnsüchtig auf die Hitze des Grills.

 

Das Essen sollte nämlich im Vereinshaus des Seglervereins Scharfe Lanke stattfinden. Norbert, den wir im letzten Jahr auf einer Reise mit dem SC Gatow kennen lernen durften, hatte für uns einen Liegeplatz am Steg seines Segelvereins geregelt. Von hier konnten die Männer an Land und zum Schlafen wieder aufs Schiff.

Gefeiert wurde im Vereinshaus, das nach Feng-Shui - Regeln eine ausgezeichnete Lage hat: Etwas erhöht, auf Wasser blickend, mit einem schön angelegten Garten davor - gut wäre noch ein gewundener Weg, der zum Haus führt und ein dreibeiniger Frosch vor der Haustür. Aber welcher Frosch will sich dafür zur Verfügung stellen?

 

 

                     

Mit gut gefülltem Bauch und sehr zufrieden über den Verlauf des heutigen Tages machen Bernd und ich abends noch unsere kleine Runde mit dem Hund. Die Angler haben schon verlichting am Boot und die Jacob von Berlijn liegt ganz ruhig im Wasser, vertäut an den kleinen Yachtsteig Pfählen und zur Sicherheit noch auf ihren Schwertern. Die letzte Nacht an Bord - wer ganze Tage auf dem Wasser nicht gewohnt ist, den machen sie müde.

 

  Frühstück im Seglerheim.

Das Wochenende ist schnell vergangen. Man hat wieder mal Kontakt zueinander gehabt. Jetzt finden die Treffen schon jährlich statt, denn es sind schon einige Männer nicht mehr dabei, von ihnen gegangen, obwohl noch unter 60. In diesem Leben jedenfalls sieht man sich nicht mehr.

Der Morgen gab uns noch Zeit, um ein wenig zu plaudern. Ich konnte noch ein paar Fragen stellen. Die Bunkergeschichte finde ich nämlich sehr spannend.

 

Genosse Unteroffizier Neumann z.B., der hat, bevor er mit seinem Wehrdienst fertig war, noch die gesamte Starkstromzuleitung gelegt - als gelernter Elektriker gar kein Problem. Mr. 10.000 Volt.

Und der Herr Bechler ist noch ein paar Jahre länger geblieben als die Anderen, denn als der Bunker fertig war und der Atomkrieg mit dem Westen immer noch nicht in Aussicht stand, musste man ja trotzdem alles sichern und warten. Das Ding musste regelmäßig belüftet werden - immerhin 3 Stockwerke Richtung Erdmittelpunkt, da fängt's schon mal an zu muffen. Die Technik wollte gewartet und ab und an wollten die Anlagen auch renoviert und modernisiert werden. Soll ja alles in einem guten Zustand sein, wenn Deim und Konsorten da einziehen. Jedenfalls hat man in Ost und West auf diese Art eine schöne Menge Geld versenkt und weil das so Spaß bringt, ist unser gemeinsamer Verteidigungsminister doch gerade in die USA gereist, um dort für uns alle zwei Drohnen zu kaufen. Zwei schöne Drohnen - da können wir sicher 'ne Menge mit anfangen. Nur wie setzt man die gegen Pharmakonzerne ein oder gegen unsere Bankensysteme oder gegen Unternehmen, die Wasserrechte kaufen und dies Wasser dann schweineteuer an uns oder Dritte-Welt-Länder wieder verkaufen wollen??? Das will mir noch nicht recht in den Kopf.

 

               

So nehmen wir halt jetzt erstmal Abschied. Abschied von einer ganz netten Truppe, die ich nicht kennen gelernt hätte, wenn in Norbert nicht die tolle Idee gereift wäre, uns und unser Schiff für alle zu chartern. Ich danke Euch für das schöne Wochenende und Norbert und Rosita für die nette Bewirtung und die ganze Arbeit, die damit zusammenhing.

Alle sind inzwischen wieder auf dem Weg nach Hause, zurück in ihre Nester, aus denen sie kommen.

Eine rote Jacke hängt noch im Schiff. Wer die vergessen hat, melde sich bei mir telefonisch oder per email. Ich schnüre gerne ein kleines Päckchen, um sie demjenigen zuzusenden.

Macht's gut alle Mann und wer weiß, vielleicht sieht man sich wieder.

 

Einen vorerst letzten Gruß   -   Bernd und Ria

 

Ach, und wen es interessiert, noch mehr über den Bunker Harnekop zu lesen, der findet viel Information darüber im Internet.

 

 

 

Logbuch - geschrieben zwischen dem 21. und dem 27.August 2012

Wir segeln nicht mehr so viel wie früher, unser Logbuch wird nicht mehr täglich aufgeschlagen. Dennoch steht mir hier ein Forum zur Verfügung, das ich gerne nutzen möchte für Themen, über die es sich für mich zu schreiben lohnt.

Unser diesjähriger Urlaub hatte die "äußeren" Themen Leipzig, Naumburg und die Saale, Wandern im Elbsandsteingebirge, Tschechien mit (Karlsbad) Karlovy Vary und (Marienbad) Marianske Lazne, das Waldnaabtal, Bamberg, und noch so einiges mehr -  auf so einer Rundreise mit dem VW-Bus kommen wir an so vielen Punkten vorbei, die uns einladen, ob wir sie nun schon kennen oder nicht. Wirklich geplant davon im Vorwege ist wenig. Sind wir in Bewegung, entstehen Resonanzen zu Orten und denen gehen wir nach.

Zur selben Zeit wie im Außen Dinge geschehen, gibt es aber auch "Innere Themen", die uns beschäftigen. Das innere Thema meines diesjährigen Urlaubs hieß

 

Der Krankheitsgewinn

Am selben Tag, als wir in Urlaub fuhren, wurde ich krank. Entzündete zugeschwollene Ohren, die mir das Zuhören oder das Hören überhaupt enorm erschwerten. Hinzu kam auch noch eine Entzündung in den Augen, die ich zunächst für allergisch hielt, denn sie waren schon morgens früh gerötet, tränten den ganzen Tag über und nachts klebten sie zu. Ich fühlte mich krank, allerdings war klar, dass ich damit sowieso nicht zum Arzt gehen würde, sondern wie immer erst einmal abwarten wollte, was mein Körper mir damit eigentlich sagen will. Zuhause würde es mir folglich nicht viel anders ergehen als auf unserer Reise im VW-Bus und so entschied ich, keine Änderung im Urlaubsplan vorzunehmen, sondern gewoon doorgaan, wie der Holländer gerne sagt, was übersetzt heißt: einfach weitermachen!

                                                      Burg Augustusburg                                                                                                       in Augustusburg

Waren meine Augen auch recht getrübt, auf Fotojagd konnte ich dennoch gehen, das Objektiv meines neuen Fotoapparates nimmt treulich die Eindrücke auf, die ich bewahren möchte.

               
Freiberg                                                                                           Leipzig Hbf

Und bei Spaziergängen im Regen kommt es auf das Hören ebenso wenig an wie beim Betrachten von Architektur.

               
in Leipzig                                                                   in Naumburg

             
Blick von der Festung Königstein                                                      Königstein selber

 

 

 

 

 

junger Turmfalke

 


           

 

 

 

 

 

                                         mäßig alter Lebenskünstler mit seinem Hund

 

                                                                                                                                                                                                      
Schönheit und schöne Stimmungen in meiner Umgebung empfand ich im kränklichen Zustand als sehr wohltuend, heilsam und ausgleichend. Ich glaube, zuhause geblieben, hätte ich mich wesentlich deprimierter gefühlt, unzufriedener und ungnädig.

Ich begann, mich mit der Bedeutung des Wortes Krankheitsgewinn zu beschäftigen, weil mir dies Wort permanent in den Sinn kam sobald meine anderen Sinne unbeschäftigt waren. Es forderte mich im Inneren auf, seiner Bedeutung in der Tiefe nachzugehen. Ich dachte mir 'Deine Ohren machen völlig dicht, Ria? Dann unterlass doch das Hören und Zuhören einfach mal konsequent.' und sobald Bernd mir etwas erzählen wollte, bekam er zur Antwort: "Ich verstehe sowieso nichts. Du brauchst mir nichts zu erzählen." Mit den Augen war das schwieriger. Sie tränten zwar, aber ich konnte sehr wohl sehen. Und so fragte ich mich 'Welche Tränen weine ich da eigentlich? Was finde ich in Wahrheit so traurig und habe es doch bisher vor mir selbst verborgen?'
 

                
Schneck an Saale-Unstrut-Mündung                                                   Bär im Schloss Bernburg

Also nahm ich mich selber ernst und zog mich des Abends zurück in mein Schneckenhaus, in meine kleine Bärenhöhle, unseren VW-Bus, schloss die Augen und ging in mich, fühlend erforschend, was eigentlich mit mir los sei.
 

               
irgendwo in Tschechien                                                                     irgendwo in Oberfranken

Bernd bewachte derweil mit Jorke die Höhle, schaute dabei in ein Buch oder einfach nur in die Röhre.
 

                    
Blick auf die Schrammsteine (Elbsandsteingebirge)                                Canis Major oder auch der Große Hund

Es gab viele wundervolle abendliche Ausblicke auf unseren Übernachtungsplätzen und nicht selten gewahrten wir dort mächtigen Schutz.
 

                 
Hollandse meisjes in Wernigerode                                                       Jorke in Marianske Lazne

Den benötigt man allerdings gar nicht, wenn man in das Haus seiner eigenen Seele schauen möchte. Was man sehr wohl braucht, ist etwas Geduld, denn all die tiefen Gefühle, die wir lange im Tagesgeschehen ignorieren, denen wir selber den offenen Zugang zu unserem Bewusstsein verwehren, diese Gefühle sind gewohnt, im "Untergrund" zu existieren.

                                      
           Festung Königstein                                                                    Bamberg, altes Rathaus

Wir haben sie gewissermaßen dort eingesperrt und die Türen sorgsam verschlossen. Es sind Türen, die wir uns lange nicht angesehen haben, um deren Existenz wir uns, geht es uns gut, wenig kümmern.

Was würdet Ihr tun, hätte man Euch hinter diesen Türen weggesperrt? Würdet Ihr dort einfach sitzen? Im Dunkeln? Ruhe halten? Euch nicht bemerkbar machen und geduldig abwarten, bis Euch irgendwann Irgendjemand mal die Tür wieder öffnet?

Mag sein, dass Ihr das tätet - Eure tiefen Gefühle tun das in jedem Fall nicht. Sie versuchen - nach einer Weile - sich bemerkbar zu machen. Nur - auf dem normalen Wege hören wir sie nicht. Wir sind nämlich mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Mit Dingen, die wir für wichtiger erachten, die unsere Aufmerksamkeit gefangen nehmen.

"Nun gut" sagt sich der Teil in uns, der über Weisheit verfügt "Ich weiß, wie ich die Aufmerksamkeit wieder in eine Richtung lenken kann, die viel dichter am Menschen selber ist. Ich organisiere es so, dass der Körper nicht mehr in gewohnter Weise funktioniert. Dann muss sich der Mensch mit sich selber beschäftigen."

Und das tut er auch. Er geht nämlich zum Arzt.

                                  
         städtische Wasserspiele in Köthen

Jedes Kind weiß: "Wenn mir heiß ist, suche ich Kühlung." Mir ist ja schließlich nicht möglich, terrestrische Hitze abzustellen. Und mit derselben Intention gehen wir zum Arzt, weil wir möchten, dass Das abgestellt wird, was wir da haben und das uns beeinträchtigt, in derselben Weise in unserem Leben fort zu fahren, wie wir es gewohnt sind.

Krankheit ist uns aus vielerlei Gründen lästig. Krankheit tut weh, macht uns Angst, lässt uns Schwäche erfahren oder Machtlosigkeit, kann uns zwingen zur Passivität, nimmt uns unseren gewohnten Rhythmus weg, kann unser Aussehen nachteilig verändern, kann unser Leben bedrohen. Krankheit, so glauben viele, ist eine Funktionsstörung unserer sonst ganz gut laufenden "Maschine" Körper, dieses wundersamen, komplizierten Gebildes Organismus, das uns durch unser ganzes Leben trägt. Für ebenso viele ist der Körper etwas, das man unabhängig vom Geist oder der Seele des Menschen betrachten kann, wobei ich hier einfach mal Geist als den gesamten denkenden Teil in uns definiere und mit dem Wort Seele den gesamten fühlenden Anteil in uns.

Wer den Körper als getrennt von Geist und Seele betrachten kann (und sei dies auch nur zeitweise!) der kann natürlich versuchen, ihn wie eine Maschine reparieren zu lassen. Dann funktioniert er wieder und steht uns weiterhin zur Verfügung. Dieses Vorgehen schließt sich jedoch für einen Menschen aus, der glaubt, dass sein Geist, sein Körper und seine Seele eine komplexe Einheit bilden, die alle irgendwie voneinander abhängen, auch wenn er seine Gedanken, seine Gefühle und seinen Körper durchaus getrennt voneinander wahrzunehmen imstande ist. Wenn eine Funktionsstörung meines Körpers meine Gedanken und Gefühle sehr negativ zu beeinträchtigen vermag (genervt sein, Angst bekommen, wütend werden, sich ohnmächtig fühlen, Ungeduld empfinden, Schuldige suchen etc.), dann liegt doch die Vorstellung nahe, dass dies auch andersherum möglich ist, dass die Gedanken oder Gefühle, die ich habe, meinen Körper in eine Dysfunktion bringen.

Wie fühlt sich für Euch meine Vorstellung an, dass mein Körper mir in Liebe dienen möchte, zu jeder Zeit, zu jeder Stunde, dass mein Körper der Teil ist, den ich brauche, um auf der Erde herum zu laufen, mich ausdrücken zu können, mich wohl zu fühlen, lebensfähig zu sein? Wie fühlt es sich für Euch an, wenn ich behaupte, mein Körper dient mir auch, wenn ich krank bin, weil er mich mit anderen Gefühlen oder Gedanken in Berührung bringt, die ich sonst nicht habe? Wenn er mich gerade durch seine Dysfunktion auf etwas aufmerksam machen will oder zu etwas hinbringen möchte, mich gewissermaßen an die Hand nimmt und zu Erkenntnissen führt, die heilsam für mich sind?
 

Die Schlange, die uns Frauen in Gestalt von Eva angeblich überredete, vom Baum der Erkenntnis zu naschen, die dafür sorgte, dass uns unsere Nacktheit bewusst wurde und uns die Scham überfiel, diese Schlange steht seit Jahrhunderten ebenso als Symbol für Heilkraft in der Welt. So wie sie sich um den Baum der Erkenntnis wand, windet sie sich auch um den Stab des Asklepios (Aesculapstab). Mich verführt das Teufelchen auf der Schlange schon lange, durch meine Erkrankungen mehr Erkenntnis zu gewinnen über mich selber. Und wisst Ihr, wozu mich meine Erkenntnisse bringen?

Sie bringen mich dazu, die Scham wieder zu verlieren, ein Mensch zu sein mit all meinen Schwächen oder Stärken, die Andere manchmal unangenehm an mir finden. Und mit dem Verlust dieser Scham, kehren nach und nach Gefühle in mir zurück, die ich als paradiesisch bezeichnen möchte. Wer hat uns damals aus dem Paradies vertrieben? Gott? Nun, mein Lieber, ich kehre zurück!

im Naumburger Dom

 

 

 


Leichtfüßig übers Wasser laufen zu können, war nie mein Ziel.

Mich selbst in der tiefsten Tiefe meines Wesens zu verstehen, zu erkennen, wer ich eigentlich bin, das führt bei mir dazu, auch andere Menschen deutlicher zu sehen und ihnen begegnen zu können. Das führt dazu, mich selber viel mehr anzunehmen in meiner eigenen Art, diese zu akzeptieren und zu leben - auch wenn sich andere daran kräftig stoßen mögen.
 

 

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                            mein Sohn in Den Oever

 

Ich weiß gar nicht, warum der Teufel bei den Katholiken so einen schlechten Ruf hat. Er ist der große Verführer in dieser Welt. Er verführt uns zu Dingen, die uns aantrekkelijk erscheinen (anziehend, reizend, begehrenswert). Wenn wir der Versuchung nachgeben, machen wir damit Erfahrungen. Wir lernen etwas dabei. Über uns selber vor allem. Oder auch über das Leben. Was ist schlecht daran?

Eigens gemachte Erfahrungen, seien sie gut oder schlecht, sind der größte erworbene Schatz, den wir aus diesem Leben mit in den Tod nehmen. Aus Erfahrungen lernt der Mensch in seiner ganzen Komplexität, die seine Art und Weise zu Sein ausmacht, aus Büchern lernt nur der Kopf, weder Herz noch Bauch.

Am meisten, so sagt man, lernen wir aus schmerzlichen Erfahrungen. Sie bringen uns ein tiefes Verstehen über unser Menschsein - und dieselbe Erfahrung habe ich mit meinen Erkrankungen gemacht - immer wieder.

 

Faust Denkmal in Leipzig

Meine Erkrankungen haben mir ein immer größer gewordenes Vertrauen in die Weisheit meines Körpers geschenkt. Durch eine Erkrankung habe ich eine von mir selbst empfundene Schuld abgebaut. Ich habe durch meine Erkrankungen Angst verloren und Vertrauen ins Leben gewonnen und gelernt, Geduld zu entwickeln. Mein Mut wurde gestärkt, auch große Veränderungen vorzunehmen und mich zunehmender Kritik auszusetzen. Wie war doch gleich das Thema meines heutigen Logbucheintrags?  Der Krankheitsgewinn

Ich glaube, ich habe durch meine Erkrankungen gelernt, das Leben zu lieben mit all seinen negativen Seiten, die ich bereits kennen gelernt habe. Und ich denke, dies ist vielleicht sogar das größte Geschenk, denn als Kind war ich wenig überzeugt davon, dass das Leben liebenswert sei.

                               
            Schaufenster in Kulmbach                                               Kunstplakat in Enkhuizen

Ich fühlte mich nicht selten als ein Alien unter Anderen, nach der Schule fiel ich in tiefe Erschöpfung.
 

                             
             Idagrotte/Elbsandsteingebirge                                     tschechische Währung

Das Festhalten an den Werten, die man mir mitgab, empfand ich als einen viel zu schmalen Grat, der mich unfrei und unsicher machte. Aus dieser Unfreiheit wurde ich nur durch Krankheit befreit. Mein Körper schien mir zu sagen: "und was machst Du, wenn ich einfach sterbe? Ich produziere jetzt Krebszellen und zeige Dir meine Bereitschaft zum Suizid." Damit hatte er gewonnen oder vielmehr der weise Teil in mir selber, der meinen Körper dazu bewegt hatte, dies zu tun. Mich bewegte er dazu, in meinem Geiste alles aufzugeben, was ich bisher im Leben für richtig hielt. Dumm und unwissend konnte ich daraufhin nur noch meinen tiefsten Gefühlen vertrauen und nun waren sie es, an denen ich mich entlang hangelte.

            
im Elbsandsteingebirge                                                                  - Nähe Idagrotte

Doch schnell schon wurde die anfängliche Hangelei zu einem festen, begehbaren Weg, wenn auch von Ungeheuern, die mir Angst einflössten, gesäumt - Angst davor, das bisherige Leben könne mir vollständig entgleiten, Angst vor mir selber und meinen verdrängten Gefühlen, Angst vor Verlusten, denn wer bereit ist, sein Leben komplett umzukrempeln, der erntet nicht nur Zustimmung um sich herum, sind davon doch auch andere Menschen betroffen.
 

            
Schrammsteine/Elbsandsteingebirge                                              Blick auf die Elbe

Und da ich aus einem Tiefstpunkt meines Lebens wieder langsam nach oben strebte, machte mir Angst, wenn ich Höhe erreichte, denn mein neuer Ausblick war völlig ungewohnt.


                                           
        alter Steingeist im Waldnaabtal                                                       Gnom hinter Rinde im Waldnaabtal

Allmählich jedoch ließ meine Angst nach. Sah ich zu Anfang noch Ungeheuer, erkannte ich nun zunehmend wie das Leben selber mir hilfreich zur Seite kam, mich von einem "Zufall" zum nächsten führte, der mich unterstützte auf meinem Weg. Ein Weg, dessen Ziel ich selber nicht kannte, auf dem ich mich aber beobachtet fühlte, als würde mir heimlich Geleit zuteil. So scheint es mir übrigens heute noch zu sein.

 

Ich habe etwas weit ausgeholt mit meiner Geschichte. Das erschien mir nötig, um deutlich zu machen, dass ich in einer lebensbedrohlichen Situation genauso denke wie bei einer weitaus weniger belangreichen Erkrankung. Das Prinzip, das ich für mich erkannt habe, ist immer dasselbe. Haben wir erst genügend Gewinn aus unserer Erkrankung gezogen, ist sie nicht mehr vonnöten. Hierbei kann es selbstverständlich so sein, dass es Krankheiten gibt, die uns das ganze Leben lang begleiten und die wir tragen müssen - das hält uns jedoch nicht davon ab, dennoch einen Gewinn aus dieser Krankheit zu ziehen, oder? Und welcher Gewinn für uns darin verborgen liegt, das können wir nur ganz allein herausfinden.

Allerdings würde ich es schön finden, wenn unsere Ärzte uns darauf viel mehr aufmerksam machten.

Wenn ich nach einer Krankheit gesund werde, dann gesunde ich an
Leib
und Seele und im Geiste auch. Das fühlt sich anders an, als die Maschine Körper wieder in den Zustand von "vorher" zurückzubringen. Diese Gesundung ist umfangreicher und hat eine Veränderung meiner Gedanken- und Gefühlswelt zur Folge.

 

Hahnemann-Haus in Köthen

 

Und da wären wir nun zurück bei meinem diesjährigen Urlaub und bei meinen Ohren und Augen.

Mehrere Tage und Abende hatte ich nötig, die getragen waren von dem Ziel, mir auf die Spur zu kommen, bis sich die Verbindung zu einem ganz tiefen Gefühl in mir einstellte, das auch mit Trauer verbunden war.

Ich fühlte tief in mir: 'Ich mag Menschen nicht mehr so.'

Wer mich kennt und weiß, wie sehr mich Menschen interessieren, der kann sich vielleicht vorstellen, dass ich über einen drempel  (Schwelle) musste, um zu diesem Gefühl zu gelangen. Denn dies Gefühl steht im Widerspruch zu meinem Verhaltensmuster, das in der Kontaktfreude besteht. Immer dann, wenn ein tiefes Gefühl in uns im Widerspruch dazu steht, wie wir uns im Leben verhalten, leben wir nicht im Einklang mit uns selbst, sondern haben in Wirklichkeit einen Konflikt. Wir sind aber so gestrickt, dass wir unsere tiefen Gefühle so lange nicht an uns heranlassen, bis wir uns kräftemäßig dahin entwickelt haben, diesen Konflikt in uns auch auflösen zu können. Dieses menschliche "Strickmuster" gewährleistet uns psychische Gesunderhaltung während der Konflikt solange auf der Körperebene ausgetragen wird, wo er viel weniger schadet.

Gut. Weiter im Text.
Es stellte sich mir natürlich die Frage: 'Warum mag ich Menschen nicht mehr so?' Die Antwort hierauf wusste ich schnell. Meine Art zu sein, provoziert so Manchen, selbst wenn ich gar nicht provozieren will. Ich bin ein Mensch, der sich nicht so sehr für die Oberfläche der Dinge interessiert, der den Kontakt zu Menschen nicht nur auf deren Benutzeroberfläche sucht, sondern für den ein menschlicher echter Kontakt erst hergestellt ist, wenn es in die tieferen Programme geht. Ich gehe in meinem Kontakt, gerade auch bei Freunden, in diese Tiefe und erlebe auch Abwehr, Unvermögen, ein Auf-Distanz-Gehen.


               
in Bamberg                                                                                        Weisseritztal-Bahn

Ich bin nicht der Typ "romantische Gondel" sondern kann Menschen schon mal als schwere Dampflok auf dem selben Gleis entgegen kommen. Das kann nicht jeder aushalten und ich verstehe das.


               
in Bamberg                                                                                        Kirnitzschtal/Beuthenfall - sächsische Schweiz

Ich bin wilde Wasser von Kind an gewöhnt und habe mein Flussbett an manchen Stellen später nachbessern müssen, damit ich selber auch aushalten kann, was dort hindurch fließen möchte. Wer mit mir in Berührung kommt, erlebt einen Teil dieser Kraft, der sich in meinen Gedanken, Gefühlen oder Handlungen ausdrückt. Viele Menschen, die diese Kraft spüren, neigen jedoch eher dazu, Angst vor ihr zu haben, als ihr zu vertrauen. Die Resonanz auf mich selber, die ich erlebe, das mag ich an Menschen nicht mehr so.

Aber was ich auch nicht möchte, ist, mich dauernd zurück zu nehmen in meiner Kraft. Immer vorsichtig überlegen müssen, was ich gegenüber meinen Gesprächspartnern äußern kann oder nicht, was sie aushalten, was sie vertragen, in wie weit sie darüber schon reflektiert haben oder nicht.

Und was ich auch nicht mehr möchte, ist, mir den ganzen Kram anhören, der sich auf ihrer Benutzeroberfläche befindet. Das ermüdet mich und da machen meine Ohren dicht. Und da ich meine Ohren lieb habe, will ich ihnen das nicht mehr so oft zumuten wie bisher.


                    
im Elbsandsteingebirge                                                                          im Bamberger Dom

Denn ich möchte weiterhin feinstes Blätterrascheln hören können und trotz meiner inneren Kraft und Komplexität Leichtigkeit im Leben verspüren.

Ich habe Erkenntnisse gewonnen, zu denen mich meine erkrankten Ohren und Augen hinführten. Das in der Tiefe empfundene Gefühl: 'Ich mag Menschen nicht mehr so' hat zu einer gedanklichen Auseinandersetzung zu dieser Thematik geführt, an der ich Euch soeben teilhaben ließ. Die Trauer zu meinem Gefühl ist bearbeitet, meinen Augen geht es nämlich schon wieder besser. Langsam setzt sich nun die Veränderung in meinem Verhaltensmuster durch. Wenn wir uns zu einer Veränderung entschieden haben, erhalten wir im Außen automatisch Hilfe durch neue Erfahrungen, die auf uns zukommen und die wir nun machen werden. Mit der Änderung unserer inneren Haltung erzeugen wir nämlich ein neues und anderes Resonanzfeld um uns herum. Wir ziehen andere Menschen, Situationen und Begegnungen an. So wachsen wir an uns selber. Je stimmiger, je einmütiger unser Verhalten, unsere Gedanken und Gefühle alle miteinander sind, umso wohler fühlen wir uns in unserem Leben.

Meine Ohren sind übrigens noch nicht gesund. Da ich seit vielen Jahren bereits ein Problem mit ihnen habe, stellte ich sie nach der Urlaubsreise meinem Hausarzt vor, der mir Cortisontropfen verschrieb, die ich gerne für kurze Zeit zur Erleichterung des schlimmen Akutzustandes akzeptiere. Ich bin jetzt gespannt, ob die Veränderung meiner inneren Einstellung, die auch zu einer Verhaltensänderung führt, ausreichen wird, um diese chronische Erkrankung zu beheben oder ob ich aufgefordert sein werde, den Ärzten mehr Demut entgegen zu bringen. Vor mehr als zwei Jahren war ich nämlich bei einem Ohrenarzt, der mir folgende Prognose gab 'Diese Erkrankung lässt sich nicht heilen, die werden Sie jetzt bis an ihr Lebensende haben. Sie müssen jetzt ganz regelmäßig zu mir kommen, damit wir das unter Kontrolle behalten.' was ich natürlich nicht tat. Und da ich schon öfter ähnlichen Prognosen zuwider handelte, einfach gesund wurde z.B. und nicht starb oder meinen Arm nach einer OP doch wieder bewegte, obwohl das gar nicht möglich sein konnte etc., habe ich zu Ärzten ein, wie soll ich sagen, differenziertes Verhältnis bekommen. Das muss aber nicht heißen, dass alle Ärzte Unrecht haben oder dass ich es immer besser weiß. Also, es bleibt abzuwarten, was meine Ohren nun tun werden.

 


Damit habe ich alles gesagt, was ich zu sagen habe.

Ich habe das, was sich in mir gedanklich und gefühlsmäßig bewegt und verdichtet hat, zu einer Geschichte zusammengefasst. Da ich, wie ich bereits oben erwähnte, meine Scham, ein Mensch zu sein, verliere, kann ich so freimütig über innerste Themen von mir berichten. Ich tue das in dem Glauben, dass auch andere Menschen einen Nutzen davon haben können, es sie zumindest zu neuen Gedanken anregt. Und ich überfordere niemanden mit mir, da ja jeder beim Lesen alleine ist.

Außerdem heißt es in der Bibel irgendwo, dass demjenigen, der seine Talente nicht benutzt, diese wieder weggenommen werden. Ich erkenne Zusammenhänge, die andere nicht sehen und ich liebe es, zu schreiben. Diese Dinge dann für mich zu behalten, fände ich egoistisch im landläufigen Sinne.

 

                                                                                             der Abwasch in Steinbeck an der Ostsee

 

Ich möchte Menschen ermuntern, sich intensiver mit sich selber auseinander zu setzen, weil dies gewinnbringend ist. Ich möchte Menschen ermuntern, sich selbst und ihre Befindlichkeiten ernster zu nehmen, dabei aber auch in die Tiefe zu gehen und nicht im Gejammer und Geklage stecken zu bleiben - auch wenn dies manchmal sehr tröstend sein kann.

 

Und ich möchte Menschen zu einer Selbstliebe ermuntern, die von echtem Verantwortungsgefühl unserem eigenen Leben gegenüber getragen ist.

Wenn wir zu dieser Selbstliebe fähig sind, die nichts mit Egoismus im landläufigen Sinne zu tun hat, sind wir auch erst fähig, einen anderen Menschen zu lieben. Ich persönlich finde es eine Zumutung, wenn von mir erwartet wird, meinen Nächsten zu lieben, wenn ich es doch noch nicht einmal richtig bei mir selber kann. Was für einen Murks soll das wohl abgeben?

 

 

 

Idagrotte/Elbsandsteingebirge

 

 

 

Ich mag Menschen zwar nicht mehr so, aber diese Zeilen habe ich dennoch in Liebe verfasst. Es ist die Liebe, die ich zu mir selber entwickelt habe im Laufe dieses Lebens.

Und es geht mir jetzt richtig gut damit, dies alles mal so geschrieben zu haben.

 

                                                                                                                                      
                                                                                                                                      bei Elbingerode

Bis auf 2 Fotos (mein Sohn in Den Oever und Kunstplakat in Enkhuizen) stammen sämtliche Fotos aus unserem diesjährigen Sommerurlaub. Wir finden im Außen immer das, was unser Inneres ausstrahlt. Wir müssen nur einen Blick dafür entwickeln.

Ria Wahlen-Cordes

 

 

 

Logbuch vom 9. Juli 2012

Ich bin noch einen Bericht schuldig, bevor Bernd und ich wieder in den Urlaub starten. Die Erlebnisse müssen allerdings erst etwas sacken, bis sie verarbeitet werden können. Eine kleine Pause muss dazwischen liegen.

 

Noch liegt die Jacob im schwülwarmen Hafen der Neustädter Havelbucht, die Menschen in Potsdam genießen ihren Feierabend in der Strandbar mit Blick aufs Wasser und vielleicht auf unser Schiff.

Wir kommen aus dem ersten Teil unserer Ferien zurück, denn der SC Gatow will sein 30jähriges Jubiläum feiern - auf einem Segelschiff, denn das ist für einen Segelclub doch angemessen und nach Möglichkeit auf einem Schiff, was bei mehr als 30 Personen in Berlin bisher unmöglich war.

 

 

 

Der SC Gatow ist nicht eben der Segelverein mit der größten Mitgliederanzahl, aber wenn man sich ein paar nette Gäste zusätzlich einlädt, die dem Verein oder den Mitgliedern verbunden sind, fällt das gar nicht mehr auf. Wir hatten jedenfalls lange nicht mehr soviel Gäste an Bord.

Zunächst erzählt Bernd ein wenig über die Geschichte der Jacob van Berlijn, eine typisch holländische Schiffsgeschichte, denn "sie" war den größten Teil ihres Lebens ein Arbeitsschiff und in der Frachtfahrt tätig. Gewiss sind ihre früheren Eigentümer niemals nur zum Vergnügen gesegelt, sondern immer für den eigenen Broterwerb. Schwer genug vor 100 Jahren, als sie gebaut wurde.

 

               

Heute bedarf es schon mehr Personen als nur zwei um allein das Großsegel zu hissen. Da der Wind schwach ist und achterlich, verzichten wir vorerst noch auf die Fok. Warten wir bis wir einen raumen Kurs fahren, sonst tanzen die Blöcke am Überlauf die ganze Zeit lärmend herum, was sich störend auswirkt auf schöne Gespräche, die man gerne führen möchte.

 

                  

Heute ist viel Regen angesagt - das Ufer ist nicht so bevölkert, wie es in dieser Jahreszeit und dazu an einem Samstag zu erwarten wäre. Dennoch haben sich einige Segler aufgerafft, um den Tag auf dem Wasser zu genießen. Es ist Spinnacker Wetter - immer ein schöner Anblick.  

 

                       

Während Norbert auf dem Achterdeck lebhaft Geschichten erzählt, lässt man an steuerbord die Welt an sich vorbeiziehen. Hier noch ein paar Gespräche, dort ein zur Ruhe kommen auf dem Wasser. Jeder so wie er es mag und vielleicht benötigt.

 

 

Das Löschboot der Feuerwehr kommt herangefahren, um die Löschvorrichtungen an Bord zu hinterfragen.

Ein Riesenfass selbst kühlendes Bier sollte den Anforderungen des heutigen Tages doch genüge tun.

Sie lassen sich überzeugen und dampfen zufrieden wieder ab.

 

 

Allerdings fällt mir da unsere Feuerlöschergeschichte ein. Vor einigen Wochen erhalte ich einen Anruf aus Holland von der Firma, die stets mit der keuring (dem TÜV) unserer Feuerlöscher an Bord betraut war. Sie melden sich, wenn eine erneute Überprüfung ansteht. Da wir nun in Potsdam sind, bringt Bernd unsere 6 großen roten Schaumflaschen zu einer hiesigen Firma, damit diese sie mit einem TÜV-Stempel versieht. Bernd staunt nicht schlecht, als der Mann ihm erzählt, dass er Feuerlöscher mit einem holländischen Sprach-Aufdruck nicht TÜVen kann. Der Mann erzählte weiter, dass die Bundeswehr auch gerade ihre Riesenanzahl Feuerlöscher bei ihm hat TÜVen lassen wollen, die sie von der EU mit französischen Aufdrucken erhalten hatte. Auch diese können in Deutschland keinen TÜV-Stempel erhalten.

Die Bundeswehr musste sich neue Feuerlöscher anschaffen, weil sie nicht so flexibel sind wie wir. Wir haben kurz entschlossen Freunde in Holland besucht am Anfang von Bernds Ferien und unsere Feuerlöscher dorthin mitgenommen. Sie erhielten einen ordnungsgemäßen holländischen TÜV-Stempel. Es bleibt noch so einiges zu regeln in der EU und die Deutschen sollten ein wenig abrücken von ihren bekloppten Sicherheitsstandards. Bei uns werden manche Dinge "totgesichert", ich meine damit, dass Sicherheitsnormen in Deutschland nicht selten dazu neigen Wachstumsprozesse zu verhindern.

 

Wo wir gerade beim Thema Sicherheit sind:

Da noch vor zwei Tagen im Wetterbericht für den heutigen Tag Böen bis Windstärke 8 angekündigt waren, hat sich der Vorstand des SC Gatow etwas für den Notfall einfallen lassen. Die kleinen roten Kugeln, die jeder Gast heute zu Beginn der Reise erhielt und verpflichtet am Hosenbund tragen musste, sind Rettungskugeln auf See.

Im Falle dass sie vollständig mit Wasser in Berührung kommen, öffnen sie sich und blasen sich auf zu einer Ein-Mann-umhüllenden-Luftschlauchkugel, die auf dem Wasser treibt und das Überleben für Stunden sichert. Nach Abklingen des Sturms können die Kugeln mit ihren Insassen von Rettungskräften eingesammelt werden. Der Gebrauch der kleinen Seerettungskugel ist allerdings nur einmal möglich. Ich möchte lieber gleich vorweg schicken, dass sie aufgrund der sich doch freundlicher gestaltenden Wetterlage heute nicht zum Einsatz kamen.

 

 

               

                              Allerdings fanden wir es ratsam, beizeiten den Mast zu legen.

Ein Unwetter zog auf und veränderte geringfügig die Optik.
Es goss in Strömen.

 


Und so kam es, dass mehr als 30 nasse Pudel das vorbestellte Restaurant in Potsdam enterten und auf einen Schlag alle Scheiben im Hause beschlugen und dem Koch die Brille.

 

 

Als das Theater vorbei war, klarte der Himmel wieder auf und wir setzten unsere Fahrt fort.

 

             

Die Luft hatte nun jegliche Schwüle verloren, ein Regenbogen zeigte die letzten Tropfen am Himmel

und mit ihm kehrte die Farbe und Frische ins Leben zurück.

 

 

Ein Pfau sucht sich einen sonnigen Platz, um sein Gefieder zu trocknen und die Kormorane besetzen die Schilder im Wasser, um es ihm gleich zu tun.

 

 

 

 

              

Was haben Berliner Segler doch für eine wundervolle Kulisse um sich herum. Das Wahrzeichen der Havel ist winters wie sommers ein stoischer Weggefährte für alle, die sich auf dem Wasser bewegen. Und er dient sogar als Argument für den Verzehr von Alkohol. Denn wer zufällig durch alle vier Fenster im Turm gleichzeitig blickt, kann sich nur durch ein Gläschen Hochprozentiges befreien. Wovon, das hat mir noch niemand erzählen können.

 

                             

Die Fahrt ist beendet, das Schiff wird vertäut. Der Jubiläumstag kann langsam ausklingen.

 

             

Nun kann die Löschvorrichtung wieder von Bord geschleppt werden. Der kleine Steg, der an Land führt, ist Maßeinheit für die Menge des Alkoholgebrauchs der Mitglieder des SC Gatow. Denn nur wer ihn im Dunkeln noch bis zum Tor schafft, ohne ins Wasser zu fallen, zeigt sein Können im Umgang mit geistigen Getränken.


"Seeluft macht hungrig" - das weiß jedes Kind - und so plündern wir noch mal zum Abschied den Kühlschrank. Er zeigt sich als wahres Füllhorn und spuckt noch mehrere Platten mit Kanapees aus wie auch diverse Fläschchen Wein, die noch gar nicht geöffnet wurden. Das wiederum regt unsere Gespräche noch einmal an.

Und so kommt es, dass die Sonne schon längst auf Australien scheint, als der letzte Gast von Bord ist und wir im Bett.

 

 

Wann feiert Ihr Euer nächstes Jubiläum???

 

 

 

Logbuch vom 6. Juni 2012


                                                

Kennt Ihr das auch?                               Klassentreffen

Ich war noch nie zuvor in meinem Leben auf einem Klassentreffen, da ich mich niemals in einer Abschlussklasse befand. Dennoch wünschte ich mir, auch einmal teilnehmen zu dürfen an einem solchen Treffen. Kaum war der Wunsch geboren, traf ich in unserer Kleinstadt Buxtehude auf die andere Ria, mit der ich damals zusammen eingeschult wurde. In ihr lebte derselbe Wunsch, war jedoch schon zur Idee gereift. Unsere Begegnung war Initialzündung, mit Verve ging sie danach an die Verwirklichung ihres Vorhabens, alle Menschlein von damals ausfindig zu machen und einzuladen. Mit Kontaktfreude, Offenheit, Geduld, Zähigkeit und Neugierde gelang es ihr, jeden zu finden. Auch unseren Klassenlehrer, der nur ein paar Jahre an unserer Schule weilte, fand sie zurück.

Was bewegt Menschen, selbst aus der Ferne anzureisen, um für ein paar Stunden Weggefährten von früher wieder zu sehen? Verbirgt sich dahinter eine Art Sehnsucht? Oder der Wunsch herauszufinden, wo ich heute stehe, wenn ich mich mit damals und den Damaligen vergleiche? Wie viel Entwicklung ist in der Zwischenzeit eigentlich bei jedem Einzelnen geschehen? Und woran messe ich diese Entwicklung?

Was ist aus uns geworden, wenn wir uns vergleichen mit dem kleinen Erstklässler von 1965?
Sind wir zufrieden heute? Haben wir unser Leben auf eine gute Weise gestaltet? Gibt es noch Möglichkeiten, die mir verbleiben, um glücklicher oder zufriedener zu sein? Sind noch tiefe Wünsche offen?  -
Weil nämlich, noch ist es Zeit, wir sind noch nicht am Ende, keiner von uns. Bis zuletzt sind wir es, die unser Leben mit Inhalt füllen. Und wir sollten es mit uns auffüllen, mit dem, was uns ausmacht, was in uns angelegt war schon damals.

So ein Klassentreffen ist eine gute Gelegenheit, um über diese Dinge ein wenig tiefer nachzudenken.

Und ich weiß seit letztem Samstag, dass ich mit Detlef noch nach Holland zur Blumenveiling reiten will (Holländer reiten mit ihrem Auto und Veiling ist eine Versteigerung, die übliche Methode dort Fisch, Blumen, Gemüse und sonst was zu verkaufen). Detlef weiß davon noch nichts, ich muss ihn noch fragen. Aber wenn er mich mitnimmt, will ich einen Logbuchbericht davon schreiben. Und vielleicht biete ich dann auch das erste Mal meinen Bericht einer Zeitung an. Das Leben bietet uns immer wieder neue Möglichkeiten. Wir müssen sie erkennen und uns trauen. Mehr eigentlich nicht!

 

 

Logbuch vom 22. Mai 2012

Der Vögel Brutgeschäft zieht uns noch weiter in seinen Bann. Wir sind über Himmelfahrt im Alten Land, damit ich meinen Garten genießen kann und meine Freundin Gisela lädt uns ein zu einer Führung über die Elbinsel Lühesand, die am Samstagmorgen stattfinden soll. Organisiert ist die Führung vom NABU Stade - eine vogelkundliche Führung. Da ich noch nie auf Lühesand war, obwohl die Insel in unmittelbarer Nähe zu unserem Wohnort liegt, melden auch wir uns beim NABU an.

 

Nach einer 2-minütigen Fahrt mit einer "Fähre" empfängt uns die Insel mit einem Schild, das wohl das Dritte Reich bis heute überdauert hat.

Die zahlreichen Schubkarren der Dauercamper werden hier abgestellt, sie warten auf größere Transporte von Grillmaterial, nehme ich an.

Die Wohnheime der Dauercamper sind größtenteils auf Warften errichtet, so können die Sturmfluten im Herbst und Winter keine ungefragten Ummöblierungen vornehmen.

 

 

Unsere Gruppe zieht es jedoch vorbei an den festen Behausungen, hin zum abgetrennten Naturschutzgebiet der Insel.

 

Vor vielen Jahren war die kleine Anspülungsinsel neben Lühesand das einzige tideabhängige Übungsgebiet für die Pioniere unserer Bundeswehr in Deutschland. Stationiert auf der Festlandseite - heute noch sind die Rampen für die Landefahrzeuge sichtbar - konnten sie von dort aus ihre deutsche D-Day-Variante auf der kleinen Insel üben.

Sobald die grünen Jungs abgezogen waren, konnte das Gebiet dem Naturschutz unterstellt werden.

 

 

 

 

Wir ziehen also mit unserer ca. 15 Mensch starken Interessengruppe wie eine Karawane über die Insel in Richtung Nordosten. Vorneweg der Gastgeber vom NABU mit einem Fernrohr auf einem Stativ, das er von Zeit zu Zeit im Gelände aufstellt.

 

 

 

                                      

Das Gezwitscher der Vögel ist zwar allgegenwärtig, doch ist es nicht immer leicht, sie auch zu entdecken. Mich faszinieren in der Zwischenzeit auch die sichtbaren Dinge, die sich auf Lühesand befinden. Der Zilpzalp und der Feldschwirl stimmen mir dabei akustisch zu.

40 verschiedene Arten von Vögeln sollen hier z. Zt. ihr Brutgeschäft verrichten. Vogelarten, von deren Existenz ich bisher keine Ahnung hatte, die aber von den Fachleuten sowohl akustisch als auch visuell erkannt werden. Ja, doch, manchmal gerät man noch in Uneinigkeit über die genaue Bezeichnung des gesichteten oder gehörten Subjekts - War das nun die Dorngrasmücke oder die Gartengrasmücke? Vielleicht ja auch die Mönchsgrasmücke, nein, es war wohl eher doch die Klappergrasmücke.

Lacht nicht, liebe Leser!  Die brüten hier echt alle!

 

 

Der absolute Star jedoch, den wir heute zu sehen hoffen, ist der mal eben aus Asien, nur für sein Brutgeschäft herüber geflogene Karmingimpel.

 

Er möchte, dass seine Jungen auf Lühesand das Licht der Welt erblicken. Dafür nimmt er die Mühen des langen Fluges auf sich. Wer von Euch schon in Asien war, weiß um die Strapazen einer solchen Flugreise.

Nicht viele Asiaten wissen um die Schönheit des Alten Landes, der Karmingimpel bildet da wohl eher die Ausnahme.

 

 

 


Er sitzt während seiner Brüterei in den Wipfeln und Zweigen irgendwelcher Bäume oder Gräser und schaut auf die Elbe und das gegenüberliegende Ufer mit seinen Sandstränden. Die Segelboote gleiten derweil vorüber, die Bojen zeigen ihm die Richtung der Strömung an. Er genießt die Kühle des frischen Windes, der von der Nordsee herüber weht und das dumpfe Tuten der Ozeanriesen dringt durch die Schale der unter ihm liegenden Eier ins noch unbewusste Gehör seiner Kinder - das Geräusch der Heimat, das sie später wieder hierher zurückführen wird an diesen so beinah unbekannten Ort. 

 

 

                 

Während heute morgen die Schnellfähre von Hamburg auf dem Weg nach Helgoland vorbei düst und ein Containerschiff den Hamburger Hafen in entgegen gesetzter Richtung anläuft, machen wir uns weiter auf den Weg über die Insel. Den Karmingimpel haben wir beinahe gesehen. Welche meinten ihn gesehen zu haben, aber dann irgendwie doch nicht. Oft sind die Vögel genau in dem Moment aufgeflogen, wo ein Ornithologe sie einem anderen zeigen will. Das sind immer doofe Momente. Das ist immer so gerade eben nicht. Schade.

Aber viele sieht man wirklich. Sogar ich habe einen Teichrohrsänger gesehen - ohne Fernglas. Auch ein kleiner Piepmatz.

               

Schön, dass die Natur um sie herum mit so viel Schönheit aufwartet, während sie in dieser Zeit lange unbeweglich auf ihren Eiern sitzen müssen.

                

Losung auf dem Weg zur NABU-Schutzhütte. Sicher wüsste einer der fachkundigen Naturliebhaber, welchem Tier diese Hinterlassenschaft zugeordnet werden kann. Aber ich kann auch damit leben, dass mir dies Geheimnis auf ewig verborgen bleiben wird. Es erinnert mich jedoch an einen Film mit Vicco von Bülow, der seine neue Bekannte (Evelyn Hamann) in den Keller führt, wo sich diverse Kühltruhen befinden, um ihr seine große Sammlung von Losung zu zeigen, die er in lauter kleinen Plastiktüten eingefroren aufbewahrt. Ein Jägerfilm, ein köstlicher Film über die skurrilen Seiten des Jagdwesens. 

              

Ein Rohr, das seit Jahren von Menschen nicht mehr benutzt wird, nutzt heute der Fuchs als Behausung. Und diesen Horst, der inzwischen verlassen scheint, hat vielleicht ein Bussard gebaut. Aber auch das ist wieder nicht verifiziert.

 

Was allerdings sehr wohl verifiziert ist, ist die Tatsache, dass bei Lühesand auf einer minikleinen vorgelagerten Anspülungsinsel, die noch nicht mal einen Namen hat, die größte Schwarzkopfmöwenkolonie Deutschlands brütet. Wenn das nichts ist, dann weiß ich es auch nicht!

Die sind nicht an der Nordsee und nicht an der Ostsee, die kommen an die Elbe zum Brüten mit alle Mann - und das, obwohl wir hier eine Kulturlandschaft haben mit Obstanbau und Schädlingsbekämpfung.

 

 

 

Aber sie haben natürliche Feinde in der Region. Und das ist eine nahe gelegene Kolonie Segler, die sich massiv darüber beschweren, dass die Möwen, nachdem sie im Sommer von den leckeren Kirschen genascht haben, über die Elbe fliegen und im Fluge etwas fallen lassen. Die roten Flecke auf den weißen Segeln sollen schwer zu entfernen sein.

Die Segeleigenschaften eines Schiffes werden allerdings von roten Flecken auf dem Tuch nicht beeinträchtigt.

 

 

Nach drei Stunden Wanderung über die Insel bei schönstem Sonnenschein, begleitet von den unterschiedlichen Stimmen der bald vierzig verschiedenen Vogelarten - für mich ein Gezwitscher, Gezirpe, Getrille und Tirilü - finden wir zurück zum Anleger, besteigen die kleine "Fähre", die bereits wartet und setzen wieder über aufs Festland.

Ein toller kleiner Ausflug, auch noch lehrreich. Wir haben eine kleine Welt kennen gelernt in unserer Großen und auch unser eigener Menschen-Radius ist nur eine kleine Welt in der noch größeren. Viele von uns kommen ihr ganzes Leben nicht so weit weg wie diese Vögel in jedem Jahr zurücklegen. Unglaublich.

 

Wieder zu Hause ist das Brut- und Vogelerlebnis aber noch nicht abgeschlossen.

            

 

Denn direkt neben unserer Terrassentür hat Bernd seit ein paar Jahren einen Meisenkasten hängen, der jedes Jahr um diese Zeit bewohnt wird. Obwohl wir direkt darunter sitzen und essen, Kaffee trinken, uns unterhalten mit der ganzen Familie und dem Hund, haben sich die Meiseneltern so daran gewöhnt, dass sie hier sicher sind, dass wir mit bloßem Auge sehen können, ob gerade Schnake, Made oder Regenwurm serviert wird in der Kinderstube.

 

 

Die Meise gilt zwar als ein recht gewöhnlicher Vogel, doch sie geben uns täglich Anschauungsunterricht. Wir sehen, wann sie aufstehen und mit ihrer unermüdlichen Nahrungsbeschaffung beginnen und wann sie endlich abends die Kinder zu Bett schicken, ab wann es nichts mehr gibt bei Familie Meise.

Gestern morgen saßen die Eltern auf der Wäscheleine und riefen zum Vogelhäuschen hinüber. Und ehe wir uns versahen, waren alle aus dem Nest. Einer der Kleinen war falsch abgebogen und durch die offene Terrassentür auf unserem Frühstückstisch gelandet. Verdutzt und ängstlich versuchte er durch die Fensterscheibe zu entkommen. Frieder half ihm auf unserer Brotschüssel nach draußen.

Seitdem haben wir keinen mehr wieder gesehen. Das Vogelhaus ist nun verwaist.

Wie schön doch, dass es die Jahreszeiten gibt.

 

 


 

 

 

Logbuch vom 4. Mai 2012

Es ist nun schon ein wenig Zeit verstrichen, seitdem unsere Gäste von Bord sind. Wir waren am letzten Wochenende gebucht für eine Frühlingstour, die sich allerdings etwas sommerlicher ausnahm als erwartet, zumindest was die Temperaturen anging. Was die Kulisse betraf, stimmte die Jahreszeit schon. Wir wurden förmlich angebrüllt von all den Vögeln, die sich momentan mit verschiedensten Tätigkeiten rundum ihre Arterhaltung befassen. Und dazu gehört eben auch das stimmungsvolle Gezirpe, Gezwitscher, Getrille und Tirilü, das von jedem Baumwipfel, aus allen Gebüschen und Sträuchern und selbst vom Boden ertönt. Die wenigsten Sänger bekommt man zu Gesicht, dafür wissen sie aber sehr selbstbewusst sogar unseren IGOR zu übertönen - Eingeweihte wissen, dass sich hinter diesem Namen unser 200 PS starker Caterpillar Motor verbirgt, der sich unter normalen Umständen akustisch durchsetzen kann.

 

              

Nachdem unsere Gäste Freitagabend ihren Proviant für 3 Tage an Bord geschleppt hatten, stachen wir sofort in See. Wir wollten an der Pfaueninsel übernachten, einem sehr romantischen Stück Havelwasser. Im Rücken die Gute-Nacht-Rufe der Pfauen, sieht man im Grunewald gegenüber wie ein paar Wildschweine zum Ufer traben, um ihren Durst in aller Ruhe zu stillen.
Wir gedenken der besonderen Stunde mit geistigen Getränken, die wir aus Gläsern zu uns nehmen.

 

              

Erfrischt kommen am nächsten Morgen unsere Gäste zu einer kleinen Andacht an Deck, bevor wir dann unsere Tour in das wilde Havelland starten. Der versteinerte Bär auf der Pfaueninsel gibt uns mit stummem Ruf gutes Geleit.

               

Die Ruderer haben um 7 Uhr schon 3 x den See umrundet und die Eulen haben ihre nächtlichen Wachplätze verlassen, die die Naturschutzbehörde für sie freundlicherweise überall aufgestellt hat.

 

 

 

Belvedere grüßt im Morgenlicht, Jorke geht noch eben seinen Geschäften am Uferweg der Bertinistrasse nach und dann treten wir auch schon ein ins Biberland.

 

 

 

 

 

 

Vier solcher Biberbaus sollen wir nun während unserer Reise entdecken. Ihn selbst bekommt man kaum zu Gesicht.

Wer weiß, wo er sich am Tage herumdrückt, womit er beschäftigt ist?

 

 

 

                

Seine Kunstwerke jedenfalls stehen am Ufer, gute bildhauerische Arbeit - wohlgemerkt mit den Zähnen erschaffen!

 

                    

Das kleine Örtchen Ketzin taucht steuerbords auf. Wir wollen uns ein wenig erholen vom Lärm der Vögel und die Zivilisation aufsuchen für einen kurzen Stopp. In Ketzin enden alle Straßen im Wasser, die Fahrzeugindustrie der ehemaligen DDR hat hier ihre Amphibienfahrzeuge getestet, die man im nahe gelegenen Brandenburg in den Brennabor-Werken herstellte - so eine Art offener Wassertrabi ohne Verdeck, der gleichzeitig zum Nackt-Fischen genutzt werden konnte. VW verzichtete damals auf die Übernahme dieser Kfz-Variante, gibt es in Deutschland doch insgesamt zuwenig Orte wie Ketzin.

Wir finden hier heute irgendwie nicht die richtige Stelle zum Anlegen, sodass noch ein wenig Wasser unterm Rumpf verbliebe, darum trollen wir uns weiter in Richtung Brandenburg. Die Hitze des Tages ist stattlich könnte man sagen, die Wassertemperatur liegt allerdings erst bei 16 Grad Celsius - laut Martina warm genug zum Schwimmen. Und in der Tat - was für eine Abkühlung!

 

            

Alle anderen, denen 16 Grad noch zu unwirtlich erscheinen, suchen Schattenplätze auf. Jorke gelingt dies ob seiner Größe am besten, der Arme kann ja auch wirklich nichts ausziehen. Inzwischen erreichen wir Brandenburg, das heimliche Venedig dieser Region. Die Havel und kleine reizvolle Kanäle trennen die drei Stadtkerne voneinander, die Dominsel, die Alt- und die Neustadt. Schon 1929 feierte Brandenburg sein tausendjähriges Bestehen und diesem Umstand zu Ehren wurde damals die "Jahrtausendbrücke" gebaut, an der wir wieder mal die Jacob van Berlijn festmachen.

 

                             

Wir befinden uns im Zentrum der Stadt und doch an einem ganz friedlichen Plätzchen Kade, das uns allen eine erholsame Nachtruhe verspricht. Die meisten Gäste schwärmen nach dem Essen noch aus, sich die Beine vertreten, vielleicht ein paar Ecken der Stadt entdecken, die man nicht kennt (unsere Gäste kommen aus Berlin und kennen ihre Umgebung) und einer muss mit dem Zug nach Hause fahren, um die alte Katzenoma zu füttern, die inzwischen ein wenig mehr Andacht benötigt als früher in ihren jungen, draufgängerischen Jahren.

 

                

Und wie sich alle wieder an Bord einfinden, holt der Wilde Hartmut sein Akkordeon hervor und macht Musike für uns im Scheine der Nacht. Ach, wären wir doch bloß ein wenig textfester. Wie viele von den Liedtexten hat man vergessen im Laufe der Jahre? Weil man solche Lieder nicht mehr singt, weil man andere Musik hört oder in Chören viel Komplizierteres einübt. Dabei ist dies einfach und schön.  "Komm lieber Mai und mache ...." - und sogar von Mozart.

 

 

 

 

 

 

 

 

Am nächsten Tag verlassen wir Brandenburg über seinen Hintereingang.

 

 

 

                

Wir fahren durch herrlich verlassene Industriebrache mit wunderschönen wilden Ufern, vorbei an einigen kleinen Schätzen, bis sich die Havel hier öffnet zum Plauer See. Denn heute soll gesegelt werden.

Wir sind das erste Mal "in voller Montur" auf dem Plauer See (nicht der Plauer See an der Müritz, sondern der bei Brandenburg - warum hier zwei Seen in der Nähe denselben Namen haben, verstehe ich nicht so ganz). Wir kennen dies Segelrevier noch gar nicht, ich bin mit Stefan nur einmal hier durchgekommen Mitte November 2010 auf unserer West-Ost-Passage.

 

                

Wie gesagt, wir kennen dies Segelrevier noch nicht. Aber das hindert uns nicht, trotzdem frisch und frei drauflos zu steuern, zwei Kapitäne wechseln sich dabei ab, die Gänse bringen noch schnell ihre Jungen ans Ufer, die "Seekarte" gibt Auskunft ebenso wie das GPS mit dem teuren Chip, den wir noch in Holland erwarben für unser neues Fahrgebiet  -  es geht auch eine ganze Weile gut, aber dann sitzen wir plötzlich auf. Auf was? Auf Land!!! Mit dem Arsch auf Grund.

Unsere Gäste kennen das schon. Als sie das letzte Mal an Bord waren, damals noch in Holland vor Terschelling, musste uns die Reddingsbrigade vom groene strand  ziehen mit letzter Kraft. Zugegeben, so was ist immer spektakulär, ein kleines Abenteuer, ein eingebautes highlight für die Passagiere - aber nur, wenn das auch gut geht.

Bernd hatte mal wieder Glück. "Alle Mann auf den Kopf" (heißt: die Gäste sollen sich am Bug versammeln, um das Schiff vorne zu beschweren, denn hinten sitzen wir auf). Nach einiger Rührerei mit der Schraube bewegt sich das Schiff wieder im Wasser. Gut gegangen. Wozu kaufen wir uns eigentlich immer dies teure Kartenmaterial? Benutzt doch sowieso keiner.

 

 

 


Wer uns die ganze Zeit beobachtete, war einerseits ein Seeadler im völlig verfäkalisierten Kormoranskibaum - wahrscheinlich hat er auf den nackten Zweigen eine bessere Aussicht - und des weiteren die Wasserschutzpolizei, die sich zum Verzehr der Mittagsbrote in derselben kleinen Bucht versteckte mit ihrem Bötchen.

 

 

Während die Augen des Gesetzes zu uns herüber schielten, waren die unserer Gäste hinter Ferngläsern verschwunden und beäugten nun still und beharrlich den Vogel im Baum. Toll, so ein Seeadler. Da können uns die vielen Vögel im Kanal noch so anbrüllen, an Hunderten, Tausenden von ihnen sind wir wahrscheinlich vorbei gekommen, aber dieser eine Seeadler, der ist etwas ganz Besonderes. Der ist wichtiger als die anderen, weil er seltener ist. Er ist die Trophäe des Tages - zumindest für manche Menschen mit ornithologischem Blick auf die Welt.
Aber er ist kein Exhibitionist. Er hätte ja nun loslegen können: Kreise über uns ziehen, seine Flügel ausbreiten, sich zur Schau stellen. Loopings demonstrieren, die er so drauf hat, vielleicht sogar einen Fisch aus dem Wasser holen  -  nein, er blieb da einfach nur sitzen und enttäuschte seine Zuschauer.    

OMmmm.

 

                   

Und als diese sich dann endlich vollzählig in den Schiffsbauch zum gemeinsamen Mittagessen begaben, da erhob er sich lautlos, um ganz im Stillen seine Kreise über unserer göttlichen Suppe zu ziehen.  

OMmmm.

 

Nachdem wir nun genug vom Segeln hatten, zogen wir gestärkt weiter. Diesmal führte uns der Weg auf der anderen Wasserseite durch Brandenburg. Diese Route wird von den Binnenschiffen benutzt, sie ist kürzer und bietet Anlegemöglichkeiten für die Schifffahrt. Vorbei geht es am erkundungswürdigen Industriemuseum der Stadt, wo der letzte noch erhaltene Siemens-Martin-Ofen in Westeuropa zu besichtigen ist. Ich liebe alte Industriekultur, ich liebe die Ästhetik alter Technik, ich liebe alte Industriearchitektur - überhaupt liebe ich Kunst, die zu was zu gebrauchen ist oder um es anders auszudrücken: Wie schön, wenn man Kunst auch noch benutzen kann, im Alltag. Laut Beuys sind wir in unserem Alltag schon permanent umgeben von Kunst, wir müssen nur lernen, in den auch einfachen Dingen, die uns umgeben, den künstlerischen Wert zu erkennen. Um Kunst zu besitzen, müssen wir keine Kunst kaufen. Wir müssen sie nur sehen, in dem, was wir bereits haben. Und auf einmal sind wir mit alten Dingen reiche Menschen. Für mich ist ein altes kleines Kartoffelmesser, beim Trödler mitgenommen, das schon so abgewetzt ist, dass man sehen kann, dass eine alte Frau dies Messer ihr Leben lang benutzt haben muss, das immer noch zu schärfen ist, ein liebenswerter und von mir gebrauchter Kunstgegenstand in meiner Küche.

 

              

Aber vielleicht muss man sich dazu ein wenig den Blick auf die Welt aus der Perspektive eines Kindes bewahrt haben, um die Dinge sehen zu können wie sie sind. Und vielleicht brauchen wir dafür auch dringend den irrationalen Anteil in uns Menschen, den weiblichen, über den wir alle verfügen, der aber so   gefääährlich   zu sein scheint, dass viele Angst vor ihm haben. Er ist nämlich nicht kontrollierbar, er ist wild, er ist unberechenbar, er steckt ganz tief in uns drinnen und verrät uns, wo wir nicht verraten werden möchten, wo wir uns verstecken möchten, wo wir geheim bleiben wollen, was wir von uns selber nicht wissen wollen.    Uuaaahhhh.

 

                 

Die Zeit und die Landschaft ziehen an uns vorbei. Eine Bucht, ein Baum, die Vögel brüllen immer noch aus vollem Rohr, als wollten sie sich einen Platz in unserem Gedächtnis ersingen. Denn für den Rest des Jahres nehmen wir sie nicht mehr so wahr. Im Winter vielleicht einige, die einen Garten haben und den Vögeln beim Fressen zuschauen.

 

Es wird allmählich Zeit, nach einem Schlafplatz Ausschau zu halten.

 

 

 

 

 

 

                

Dies wäre doch eine geeignete Bucht. Die Bucht mit dem Boot mit dem Mann, der keine Hose hat. Walter hat noch alles und eine Latte messato, mit der er die langsam vor uns weichende Tiefe misst. Als sie so gering wird, dass wir auf unseren Schwertern im Grund stehen können, darf IGOR zu Bett gehen.

 

 

Eine Ringelnatter zieht durchs Wasser am Schiff vorbei.

Stellvertretend für sie erlaubt mir der Schwan, hier gezeigt zu werden, denn eine Ringelnatter im Wasser zu fotografieren, ist mühsam.

 

 

 

Ein verlorenes Gänseküken schwimmt durch die Bucht auf der Suche nach einem Elternteil, laut um Hilfe piepend. Von ihm habe ich zwar ein Foto, aber man setzt keine Fotos von solch hilflosen Kreaturen ins Netz.

Und dann sehen wir doch tatsächlich noch einen echten Biber, der durchs Wasser schwimmt. In einiger Entfernung, am Ufer entlang, den Kopf ganz ruhig haltend und nicht weit herausstreckend gleitet er ruhig und geschwind dahin. Man könnte ihn übersehen - nicht aber mit so viel Gästen an Bord, die Präzisionsferngläser zur Tierheimsuchung dabei haben.

 

                                                                                                                             

                                                                       

                                                                                                   

 

 

In dieser Nacht kommt Jorke zu uns aufs Bett. Ein brandenburgischer Jägersmann ist nachts auf der Pirsch und ballert draußen mit seinem Gewehr herum. Jorke mag solche Geräusche gar nicht, sie lassen ihn erzittern am ganzen Leib. Er sucht bei uns um Hilfe nach.

Fünf, sechs Mal knallt es um uns herum und ich möchte nicht nach draußen gehen und versehentlich einen Blindgänger einfangen. Hoffentlich bleibt der Mann in dem Boot ohne Hose auch unter Deck, denn der Mond bringt jetzt helle Dinge zum Leuchten. Ob der Jäger wohl was erwischt hat in dieser Nacht? Und ob er das auch essen können wird?

 

Am nächsten Tag machen wir uns auf den Heimweg.

              

Vorbei geht es an Werder, an Baumgartenbrück auf den Schwielowsee, den wir in Zukunft auch noch einmal besegeln wollen.

                                

Die Kirche in Geltow mit eben denselben bunten Kacheln auf dem Dach wie so viele Gebäude in Budapest fällt mir erneut in den Blick und das hölzerne Hausboot im Schwielowsee, das ich vor einem Jahr noch als wünschenswertes Wohnobjekt betrachtete, nun aber nicht mehr.

Ich habe Zahnschmerzen am letzten Tag unserer Reise und verziehe mich deshalb nach innen. Ich habe keine Lust, Fotos zu machen und überhaupt geht es mir heute am besten, wenn ich in mich hineinkrabbele. Ich widme dem Äußeren des Tages heute keine Aufmerksamkeit mehr, mein Inneres verlangt nach mir und glücklicherweise darf ich dem nachgeben.

 

Und jetzt suche ich nach einem Schluss dieser Geschichte, aber mir fällt keiner ein. Das ist manchmal so. Ich will darüber nicht mehr lange sinnieren, sondern lieber meine Sachen packen, weil wir doch früher ins Alte Land fahren als geplant. Und dann soll Roland auch seine vergessene Hose zurück erhalten und dafür gehe ich jetzt schnell noch zur Post.

Es war eine ganz entspannte und angenehme Reise für mich. Und jetzt freue ich mich auf meine Kinder.

 

 

 

Logbuch von Freitag, dem 13. - April 2012

Außer dass gleich nach dem Segelsetzen eine kurze und kräftige Bö unser Tau knackte, mit welchem das Achterliek am Großbaum befestigt wird, und der Tatsache, dass der Tag entgegen unseren Wünschen mit Regen begann, gibt es keinen Grund dem heutigen Datum irgend etwas Negatives anzuhängen.

Wir sind das erste Mal in diesem Jahr gebucht für einen Tagestörn.

Ich habe mich gefreut, als Herr Laternser anrief, denn ich verbinde mit ihm und seiner Firma angenehme Gefühle. Im Herbst, als man die Schilder wegen der angeblichen Bauarbeiten an der Kade in Spandau aufgestellt hatte und uns damit zum Wegfahren zwang, suchten wir uns ein Stück weiter einen Platz, wo das Parken noch erlaubt war. Einziger Nachteil - es gab dort keinen Strom. Da wir in Holland gelernt haben, flexibel zu sein, was Schwierigkeiten anbelangt, fragte ich kurzerhand bei Herrn Laternser nach, ob wir von ihm privat unseren Strom beziehen könnten. Und - ebenso flexibel - erhielt ich sofort bereitwillige Unterstützung. Dieses Konstrukt hielt genau ein Wochenende, da hatte das Wasser- und Schifffahrtsamt begriffen, dass wir uns schon wieder "häuslich" einrichteten. Und dann sandten sie uns die Schifffahrtspolizei, ihr ausführendes Organ auf dem Wasser, die mir bei Strafandrohung unser Verschwinden nahe legten. Da erkannten wir, wie unerwünscht wir waren.  -  Nun gut, das ist Schnee von gestern.

 

Heute Mittag kamen bei schönstem Nieselregen erst die Getränke, dann das Essen und dann unsere Gäste an Bord. Der Tag selber machte noch nicht den besten Eindruck, wenn alles nass ist, wirkt das Schiff auch nicht so toll, das Auspacken der Segel erscheint beinah widersinnig.

Aber erstmal wird ja noch der Mast gelegt, man fährt zum Gemünd - ein wenig Zeit verstreicht, man hofft darauf, dass die Wolken verschwinden.

Zum Zeitpunkt des Segelsetzens regnete es immer noch.

 

 

 

              

Doch nach einer Weile, wir hatten den Regen akzeptiert, wurde es trockener. Wir segelten wieder auf der Havel, und zwar genau dort, wo wir Anfang Februar noch lange Spaziergänge unternommen hatten.

 

                

Jedes Tuch war gehisst und Bernd hatte den Schaden am schoothoek des Segels behoben. Ich muss zugeben, dass mir die deutschen Fachbegriffe im Segeln oft fehlen, da ich das Segeln in Holland erlernte. Gemeint ist die hinterste Ecke des Segels, an der die Schot befestigt wird. Das Tau, das diesen Punkt am Großbaum festmachte, war über den Winter mürbe geworden und gleich zu Beginn der heutigen Reise geknackt.

 

 

 

Der Regen war längst nicht mehr wahr, da fing auch noch das Wasser zu glitzern an - die Anzahl der Menschlein an Deck vergrößerte sich, die Getränke wurden nun auch oben eingenommen, nicht mehr im "Keller", wie diese Gäste unseren Tagesraum unentwegt nannten.

 

 

 

 

Ich lernte auf dieser Fahrt etwas über die Beschaffenheit der Brunnenschächte im Grunewald nebenan - ich sage nur Koehlerbeton !

Ich habe auf gewisse Weise jetzt sogar einen privaten Bezug zu diesen Dingern, die mir ja durchaus schon aufgefallen waren, auf den vielen Spaziergängen dort mit Bernd und Hund. Jetzt verbinde ich Gesichter damit.

 

 

 

 

 

 

Noch ist es früh in der Saison, aber wie freut es einen, wenn man das junge Grün ringsum erblickt, das den braunschwarzen Winterwald nun ablösen wird.

 

 

 

 

 

 

Der einzige Nachteil daran ist der, dass man bald vor lauter Grün die schönen Türme und Schlösser nicht mehr erkennt, die sich auf unserer Herfahrt im Schlosspark Babelsberg so schön zeigten.

 

 

 

              

                                 Das Pumpwerk, das kleine Café dort, Orte, die ich demnächst besuchen werde.

 

 

Und kleine Treppen, nur um der Schönheit willen angelegt, deren Stufen ich bald zählen werde.

Ich liebe englische Landschaftsgärten und der Schlosspark Babelsberg ist in diesem Stil angelegt.

 

 

 

               

Ich schweife ab, wo sind wir denn jetzt? Die Gartenhäuschen der Villa Lem sind schon nah, die Skyline von Spandau breitet sich vor uns aus. Die Fahrt ist beinah zu Ende. Die Sonne hat die Temperaturen milde gemacht, im Kopf bleibt nur noch der schöne Abschluss der Tour. So soll es sein, so ist es am schönsten.

Wir verabschieden uns von unseren Gästen und verlassen Spandau ganz schnell. Noch ist es warm und hell, wir kommen noch ein Stück voran in Richtung unserer neuen Heimat Potsdam.

                       

An der Pfaueninsel lässt Bernd zum 3. Mal an diesem Tag den Anker fallen. Hier bleiben wir auf dem Wasser über Nacht. Schwanenwerder wird von der untergehenden Sonne beleuchtet. Alles ist still um uns her.

Bernd hat mir aber noch eine Nachtigall versprochen.

 

 

Logbuch  -  Ostern 2012

So, ich nehme mein Logbuchschreiben mal wieder auf. Lange Zeit war Pause, ein neues Sortieren in einem neuen Leben.

Ich hatte keine Lust mehr auf das Schiffsleben, auf unseren Job im Tourismusgewerbe. Um es mal ganz deutlich zu sagen, mir hing das alles "zum Halse heraus". Als ein Mensch mit Tiefgang wurde mir in den vergangenen 12 Jahren mehr und mehr das zu einer Last, was wir dem "Touristen" im positiven Sinne eigentlich bieten wollen: Leichtigkeit, Abstand vom Alltag, den Ernst mal beiseite schieben, Lachen, Fröhlichsein, im Reisen Neues entdecken - einfach nur das Dasein genießen.

Zuviel der Leichtigkeit um mich herum ließ den ernsten Teil meiner Seele bedeutend zu kurz kommen. Er wurde nicht mehr genährt - schrecklich, wenn wesentliche Teile von uns selber keine Nahrung erhalten in unserem Lebensalltag. Auf Dauer wird man davon sogar krank. Mit meiner neuen Arbeit, die ich im Alten Land bei Hamburg ausübe, werde ich nun diesem Teil von mir wieder gerecht und ich erhole mich von meinem Frust. Ich werde dem Schiff gegenüber langsam etwas gnädiger gestimmt, das Schiff, das mich an sich fesselte, solange ich Bernd zuliebe in Holland mit ihm segeln wollte.

Hinzu kam, dass wir in Spandau, wo wir mit unserer Jacob van Berlijn  zunächst festmachten, zwar einen legalen Liegeplatz einnahmen, jedoch weder von unseren Kollegen Binnenschiffern noch vom Wasser- und Schifffahrtsamt erwünscht waren. Nur über aufwendige Tricksereien gelang es dieser Behörde uns dort zu vertreiben. Als man nach einem Jahr feststellte, dass wir nicht vorhatten, nach Holland zurück zu kehren, stellten sie Schilder auf, die der gesamten Binnenschifffahrt dort an der Kade das Anlegen versagte. Man erklärte uns offiziell, man habe Baumaßnahmen vor. Allerdings wurde von diesen Baumaßnahmen sofort wieder abgesehen, nachdem unser "Asylantrag" bei der Seglervereinigung Unterhavel an der Scharfen Lanke bewilligt war und wir dort für den Winter festgemacht hatten.

Die Schilder mit dem Parkverbot wurden wieder entfernt und die alten Schilder fanden zurück an ihren Platz. Ich habe beobachtet, dass diese Maßnahme von einem Behördenschiff mit 5 bis 6 Arbeitern ausgeführt wird. Ein nicht gerade kleiner Aufwand für unsere Vertreibung! Bernd, der seinen fulltime job als Lehrer ernst nimmt, hatte keine Lust, sich auf gerichtlicher Ebene mit der eigentlich doch auch für uns zuständigen "Mobbing-Behörde" Wasser- und Schifffahrtsamt auseinander zu setzen. Und so gingen wir auf die Suche nach einem Liegeplatz in Berlin und Umgebung, der Bernd ermöglichte, vom Schiff aus zu seiner Schule zu gelangen in angemessener Zeitspanne und der zugleich das Segeln auf der Havel nicht verunmöglichen sollte. Ein schwieriges Unterfangen.

Wer unser Schiff schon einmal gesehen hat, segelnd auf der Havel als größter Einmaster Berlins und Umgebung, oder liegend in einem Hafen, schlank, elegant, eindrucksvoll und gepflegt, der fragt sich allen Ernstes, wie es möglich ist, dass die Wasserstadt Berlin mit mehr Brücken als Venedig, wie es heißt, keine Möglichkeit bietet, um diesem Schiff einen 30 Meter langen Lebensraum zu gewähren in Havelnähe. Es ist absurd. Ist Berlin denn schon so satt? Oder ist man in Berlin nur interessiert an großen Projekten und hat das Auge verloren für die kleinen Dinge des Lebens, die Qualität bedeuten?

Ich bin keine Berlinerin, ich komme als "Ausländerin" hierher und lasse auf mich wirken, was geschieht. In Holland ist privates Unternehmertum, und sei es noch so klein, gefragt, gewertschätzt und anerkannt, es ist die Stütze der holländischen Gesellschaft. Eigeninitiative, die Freude am Gestalten der Gesellschaft mit den eigenen Ideen bedeutet dort Bereicherung für alle, Vielfalt, Optimismus, Freiheit und Selbstständigkeit. Ich erfahre Berlin als eine "Bremser-Stadt" - und ich kenne den Grund dafür nicht.

 

Ganz anders ging es uns, als wir in Potsdam um einen Liegeplatz ersuchten. Hier öffnete man die Tore für uns.

Gleich zwei Menschen aus dem Rathaus baten uns zu einem Gespräch - die Tourismusbehörde und die Wirtschaftsförderung. Und sie kümmerten sich um einen Liegeplatz, den man uns vermittelte.

Es stellte sich nur noch die Frage: Wie lange braucht Bernd von Potsdam bis nach Kreuzberg zur Schule?   -  Auch nicht länger als von Spandau.

 

 

                      

Und so zogen wir am Karfreitag bei schönem Wetter um in unseren neuen Heimathafen Potsdam. Das Pumpwerk "Moschee", das die Fontänen in Sanssouci speist, ist das Wahrzeichen der Neustädter Havelbucht und für jeden Autofahrer nun ein Grund, eben Halt zu machen, um sich eine neu hinzugefügte Sehenswürdigkeit Potsdams nicht entgehen zu lassen, denn auf der gegenüberliegenden Seite an der Straße Wall am Kiez liegt nun die Jacob van Berlijn vertäut, die man an ausgesuchten Wochenenden oder in den Sommerferien buchen kann als kleine oder größere Gruppe zum Segeln auf Havel oder dem Schwielowsee, für Törns bis nach Brandenburg, Werder oder Ketzin.

Ich jedenfalls habe große Lust, mich nun mit Potsdam zu befassen, kulturelle Vielfalt im Laufabstand, architektonische Schönheiten, soviel man will, eine sehr nette Einkaufsmeile mit ansprechender Gastronomie und Cafés und vor allem auch GRÜN zur Erholung der Augen und der Sinne. Jetzt erst sind Bernd und ich beide mit dem Schiff angekommen. Ein wenig fühle ich mich wie früher in Medemblik, in einer fremden und attraktiven Stadt am Wasser, doch diesmal im eigenen Sprachraum.

Noch habe ich keine Fotos von Potsdam, denn auch mein Fotoapparat lag lange verweist in der Ecke herum. Ich bekomme Lust, ihn wieder zu benutzen und dann werde ich Euch zeigen, wie schön es hier ist.

Liebe Grüße an alle, die mich kennen und an geneigte Neuleser

Ria Wahlen-Cordes

 

 

 

Logbuch 9. August 2011

Heute waren wir im Olympischen Dorf von 1936. Viele der alten Gebäude stehen noch in der Landschaft, Trainingsplätze für die Matadoren von damals sind noch zu erkennen. Ein Verein hat sich der Pflege dieser Anlage angenommen. In der alten Schwimmhalle trafen wir auf mehrere Handwerker - sie sind engagiert, um zumindest einen Bestandsschutz zu sichern, der Zahn der Zeit hat schließlich schwer an allen Gebäuden genagt.

Die Natur drum herum durfte sich entfalten. Mit dem Abzug der Roten Armee, die den Ort zuletzt bewohnte, ist Ruhe eingekehrt in die Umgebung. Der Ort hat eine gute Ausstrahlung, obwohl er von Anfang an für militärische Zwecke geplant worden war. Es ist nichts mehr zu spüren von all dem. Der "olympische Geist", der für nur zwei Wochen dort wohnte, ist vielleicht stärker als die sich anschließenden 60 Jahre Militär.

Ich zog heute ganz normal mit meinem Fotoapparat los, obwohl mir seine Batterien vorher in den Sinn gekommen waren. Warum habe ich nicht darauf geachtet? Zukünftig will ich noch ernster nehmen, was mir in den Sinn kommt - ich hätte jetzt so schöne Fotos zeigen können.

 

Allerdings habe ich noch ein paar Fotos von Ankes Geburtstagsfeier, zu der sie am Sonntag mehr als 30 Personen auf unser Schiff einlud.

                

                  Manche Menschen kennen sich bereits gut, Andere treffen zum ersten Mal aufeinander.

Hier gibt es genug Raum, um sich in angemessenem Abstand kennen zu lernen, um sich anzuhören, was andere Menschen zu erzählen haben.

Ein Ausflug auf dem Wasser mit vielen Unbekannten.
Dreh- und Angelpunkt ist die Gastgeberin, die jeder aus anderen Zusammenhängen kennt.

Ein Leben, das nicht einförmig verläuft, das einem mäandernden Fluss gleich viele verschiedene Gebiete berührt, sammelt im Laufe der Zeit Freundschaften aus den unterschiedlichsten Regionen, geographisch wie thematisch.

 

              

Dem Gast ist erlaubt, sich auszuruhen und die Vorzüge des schaukelnden Schiffes in vollem Umfang zu genießen.

                                   

Zurück im Hafen erwartet uns die spanische Catering Vineria Carvalho mit einer Paella, die vor unseren Augen zubereitet wird. Und wenig später erscheinen Joan & Pete, um uns in unaufdringlicher Weise mit Soul and Blues zu unterhalten.

 

          

            Es wird dunkel, der Abend schreitet voran und die Anzahl der Gäste subtrahiert sich.

 

Nur eine kleine Gruppe findet noch nicht nach Hause, singen im Schiffsbauch Lieder aus Zeiten, in denen wir die Musik zum Ausdruck unseres Lebensgefühls brauchten.

Ein paar Gäste bleiben an Bord. Sie kommen von weit her und können sogleich in die Koje krabbeln.

Die Feier ist zu Ende.
Auf der Schulenburgbrücke brennt noch das Licht.

 

 

 

Logbuch vom letzten Tag der Reise, dem 4. August 2011

Wir sind zurück von unserer ersten langen Reise mit dem Schiff in diesem Fahrgebiet. Der Stromstecker ist wieder im Spandauer Kasten und saugt ordnungsgemäß den Elektrosaft aus der Dose. Die Batterien werden nun nachgeladen, lebten wir doch die letzten 3 Tage von unseren Vorräten in den Akkus und der Elektrizität, die der Generator erzeugte.

Insgesamt fünf Mal haben wir in den vergangenen Tagen den Mast gelegt und auch wieder aufgerichtet. Im Grunde ist das, was mir den ganzen Winter unruhige und ängstliche Nächte bescherte, weil ich einfach viel zu viel Respekt vor diesem Vorgang hatte, heute kein wirkliches Problem mehr. Man wächst hinein in größere Schwierigkeiten, die sich vor einem auftun, wenn man sich ihnen stellt und nicht davor wegläuft. Das Leben zwingt uns, zu lernen. Wirklich gelernt ist nur das, was wir mit Herz und Verstand begriffen haben, was wir erfahren durften. Diese Lernschritte im Leben tragen zu einer echten Veränderung unserer Persönlichkeit bei.

 

Wie schön, dass wir in dieser Woche das Havelhochwasser zu verzeichnen hatten, denn dadurch konnten Bernd und ich gleich austesten, wie viel Platz wir noch unter den Brücken haben, auch in einem kritischen Moment.

                  

Bei Caputh war es schon ganz schön knapp, in Potsdam allerdings schabten wir beinah unter der Eisenbahnbrücke hindurch. Die Binnenschiffer, die sich am Marifon verständigen, sprachen heute von 70 Zentimeter mehr Wasser unterm Schiffsbauch, sie müssen dann ihre Steuerhäuser herunter fahren oder abbauen, um noch voran zu kommen.

Die Sprache am Marifon ist für uns vom Holländischen ins Berlinerische oder Polnische gewechselt. Dabei fällt mir auf, dass der Berliner Binnenschiffer am Marifon sehr viel freundlicher spricht als der gemeine Berliner, der ja gern mal herumblubbert und sich beschwert.

                  

Der Fährmann der kleinen Seilfähre in Caputh fühlte sich jedenfalls sehr von Bernd missachtet, da Bernd das Herannahen unseres Schiffes ihm gegenüber nicht angekündigt hatte. Wir werden uns an die hiesigen Gepflogenheiten gerne noch anpassen.

 

               

Noch lernen wir unser neues Fahrgebiet ja erst kennen.
Von Werder ging es heute morgen weiter, um Potsdam an der westlichen Seite zu umfahren. Vorbei an Baumgartenbrück,

                 

hinein in den Schwielowsee. Heute war überhaupt kein Wind und wir wollten vor dem Gewitter und dem Regen in Spandau sein, dieser große See allerdings wird aufgenommen in die Liste unserer Wochenendziele der Zukunft, zum Sein und zum Segeln, zum Übernachten, zum Schwimmen, zum Genießen.


Hier liegt auch die Kompromisslösung für eine spätere Wohnform von Bernd und mir.

Kein Schiff mehr, kein Haus in Höhen vielleicht, dafür ein Haus auf dem Wasser im Schwielowsee. Nicht schlecht, oder?

Auch hier gilt es, nicht festzuhalten an den gewohnten Ideen, sondern offen zu sein für neue Gedanken, Impulse, Fingerzeige, die das Leben uns gibt.

 

 

Die Wasserlandschaft Berlins ist spektakulär. Die wenigsten Menschen, die Berlin besuchen, nehmen diesen Teil unserer Hauptstadt wahr, wollen sie ja auch nicht, sie wollen Großstadt. Um so schöner für die Berliner, dass sie sich ans Wasser und in die Natur begeben können. Das geht natürlich nur, wenn diese Seen und Flussgebiete auch zugänglich bleiben für die Öffentlichkeit, auch an den Ufern.

                       

                                                                    Wahre Zeichen ihrer Zeit -

                                              

              Erkennungsmerkmale einer Landschaft, einer Stadt, des jeweiligen Zeitgeschmacks.

 

             

Akzeptierte Kunst (hat was gekostet!)                     -       Geschenkte Kunst (schon wieder weg!)

 

                 

Bautätigkeiten in Potsdam. Berlin und seine Umgebung bieten jetzt so viel Gelegenheit, sich diesbezüglich auszutoben. Architektenträume, die wahr werden können, Investorenpläne, die hoffentlich gut bedacht sind.

 

Auch so ein Traum.

Die Stechlin ist Bernds 1. Traum von einem großen Schiff, der leider aufgrund einer noch etwas blauäugigen Herangehensweise scheitern sollte und in der Pleite endete.
Hier in Potsdam liegt sie jetzt, hat zwar keine Arbeit aber wohl einen Besitzer, der sich wieder um sie kümmert.

Man lernt aus Fehlern. Jetzt fahren wir mit dem 2. Schiffstraum von Bernd schon so manches Jahr erfolgreich spazieren.

 

 

                 

 

 

Reisen bildet - für Jana trifft das auf dieser Reise doppelt zu. Aber auch andere haben etwas dazu gelernt, denke ich.

Bernd sagt z.B., er habe seinen Horizont erweitert auf dieser Reise.

 

 

                 

Ich hatte mal wieder Freude an all den neuen Ausblicken und Perspektiven, an der inneren Spannung vor einer niedrigen Brücke

                 

und den Schönheiten meiner neuen Welt. Schloss Babelsberg mit seinem geschwungenen Landschaftspark drum herum.

                 

Die Glienicker Brücke ist mir jedes Mal etwas Besonderes, wenn ich sie sehe, ebenso wie die Oberbaumbrücke mitten in der Stadt in Kreuzberg. Ich kann mich nicht satt sehen an ihnen.

 

                  

An der Pfaueninsel nehmen Yildizhan und ich noch ein letztes Bad in der Havel.

Sauberes Wasser, Schilf, Seerosen nebenan, dahinter der Grunewald, ein paar blühende Wasserpflanzen am Ufer (Bernd hatte eigentlich den Auftrag, dies alles im Foto festzuhalten, aber vielleicht war das zu schwer.) Ich nehme an, Ihr könnt es Euch vorstellen.

 

 

 


Noch bevor wir Spandau erreichen, setzt der Regen ein. Die Wolken haben uns eingeholt.

Das ist jetzt Holland-Wetter!

In Berlin sind die Niederschlagsmengen im Sommer eigentlich sehr gering. Vielleicht gelten allerdings all diese alten Regeln bald nicht mehr. Wer weiß, wie sich die Wetterlage im Ganzen verändern wird.

 

 

Unsere Schiffs-Wohngemeinschaft ist jetzt unterwegs in die Großstadt, Stadt kann man auch gut im Regen. Morgen geht es nach Hamburg zurück, in die gewohnte Umgebung. Ich hoffe, Ihr habt etwas mitnehmen können von uns.

Und wer weiß, vielleicht sieht man sich ja wieder...

 

 

Logbuch vom 3. August 2011

Also, es ist schon fast Bettzeit. Wir haben gegrillt, gesungen, geklönt. Ich übertrage noch eben die Fotos in meinen Laptop und bin noch nicht ganz müde genug, um den Deckel zu schließen von meinem Kommunikationsgerät. Schreibe ich jetzt doch noch eben einen kleinen Bericht? Mal sehen.

                                        

Im schönen Brandenburg haben wir morgens erstmal ganz schnell das Schiff verholt, denn die Kade, an der wir gestern lagen, wird heute geteert. Niemand könnte mehr von Bord. Also Mast gelegt und ab in den historischen Hafen auf der anderen Seite der Brücke.

Der Wasserstand ist von gestern auf heute um 20 Zentimeter gestiegen. Die Regenfälle der letzten Tage haben für eine Flutwelle gesorgt, die jetzt abwärts rollt. Bisher waren wir es gewohnt, auf die Zentimeter Wasser unter unserem Schiff zu achten, nun werden die Zentimeter über uns wichtig. Werden es zuwenig, kommen wir nicht mehr durch die Brücken. Und es wird heute schon knapp.

Darum gehen wir auch direkt zurück Richtung Berlin.

                

In der Schleuse ist der Wasserstand deutlich höher als gestern. Wahnsinn, wie schnell das geht und um welche Mengen an Wasser es sich dabei dann handelt. Unglaublich.

Die Havel allerdings sieht gut aus, so voll gefüllt. Flut ist immer satt, Flut ist Fülle und Genuss, Flut ist Reichtum, prall und zufrieden, wenn sie nicht über die Ufer steigt, zerstört und ihr eigentliches Maß überschreitet.

             

 

 

Und so befahren wir diese Flusslandschaft und lassen die Ruhe auf uns wirken, das Sommerleben, das Ausruhen.

Nicht jeder kann das gebrauchen, aber das ändert jetzt nichts.

 

 

                                    

Die Eisenbahnbrücke vor Werder macht deutlich, dass der Wasserspiegel sich gehoben hat. Wir rutschen ganz langsam unter ihr hindurch. Bernd hat dabei den Fuß auf der Bremse.

 

 

 

 

Und da ist dann schon - Werder voraus!
Werder ist eine kleine Insel in der Havel, Aufzuchtstation für den Nachwuchs der Bremer Fußballmannschaft. Früher war dieser Ort eine gute Devisenquelle der DDR.

 

Jetzt wollen wir davor ankern und den Abend beschließen. Wir wollen das gute Wetter zum Grillen nutzen, das Wasser zum Baden und Werder als schöne Kulisse.

                          

Yildizhan springt von Bord und schwimmt zum Ufer, um die Wassertiefe auszuloten, den Fluglotsen zu spielen und das Schiff mit dem Ufer zu vertäuen.

 

 

Dann kann der Fährverkehr einsetzen.

Es kommt noch ein Mensch vorbei, der uns darauf aufmerksam macht, dass man auf Werder kein Tau um einen Baum wickeln darf, deshalb wird die Fährleine noch eben anders am Ufer befestigt - wir haben für solche Notfälle ja alles dabei.

 

 

                 

Dann geht es hinüber und herüber. "Fährmann hol über", wobei der Fährmann immer mal jemand anderes ist. Weil wir auf dem schönen Rasenstück am Ufer grillen wollen, werden sämtliche Essenssachen dorthin verfrachtet, Getränke, Bestecke, Geschirr und die ledernen, dicken Sitzkissen von Schwager Plam. Am Ufer wird der Grill angefacht.

Doch in der Nähe befindet sich ein Restaurant. Die Betreiber haben etwas dagegen, dass wir am Ufer unser eigenes kleines Esslokal aufmachen und wollen das Ordnungsamt rufen. Seitdem ich in Berlin lebe, habe ich andauernd mit diesem Ordnungsamt zu tun! Ich wollte schon mal hingehen und fragen, was eine Monatskarte für Vergehen kostet bei denen.

Aber was soll's. Dann grillen wir eben ausnahmsweise an Deck, auf dem Vorschiff.

Eine kleine Schwierigkeit besteht noch darin, den Grill mit den glutheißen Kohlen in dem wackelnden Plastikbötchen zurück zum Schiff zu bringen, ihn dort auf anständige Manier an Bord zu hieven, ohne dass mir dabei jemand heiße Kohlen aufs Haupt tut oder unser Boot von innen schmilzt.

Bernd wäre nicht Bernd würde er diese kleine Herausforderung nicht annehmen und meistern.

 

 

               

Darum wird unser Grillfest dann doch noch ein highlight, gekrönt vom anschließenden Singen schöner Balladen an Deck.

Bernd schläft schon. Meine Fotos sind verarbeitet. Morgen geht's weiter.

Gut Nacht.

 

Logbuch vom 2. August 2011

Wir sind erst um 12 Uhr losgezogen. Ketzin ist einfach zu schön, zu gemütlich dort im kleinen Hafen, wo man noch baden kann, duschen, ein bisschen herum puddeln - jeder so, wie er möchte.

 

                 

Doch dann machten wir uns auf, um die Untere Havelwasserstraße zu befahren, die in Wirklichkeit ein weites und verzweigtes Flussgebiet ist, mit vielen Seitenarmen und angrenzenden Seen verschiedener Größe. Umrahmt wird sie von Niederungen, hügeliger Landschaft, ja sogar Fahrradwege ziehen sich durch dies Gebiet. Überall sieht man in kleinen Buchten, an idyllischen Uferstücken Boote liegen, Kanus, Badende - ein wildes und freies Stück Natur, in dem man sich bewegen kann wie man möchte.

                 

 

                  

Navigare necesse est, wenn man von dieser Wasserwelt einen Eindruck erhalten möchte.

                  

 

Als das Schiff schon ein gutes Stück Richtung Brandenburg zurückgelegt hatte und die Sonnenstrahlen allmählich in unser Mark vordrangen, lag quer ab zur Fahrrinne an Steuerbord der Havelarm Lange Reihe.

Diese Übereinstimmung im Namen nutzten wir, um der Havel mal auf den Grund zu gehen. Der Anker fiel nicht tief, fast schaute er noch aus dem Wasser. Das Schiff lag auf seinen Seitenschwertern festgenagelt, damit wir den Platz auch wieder verlassen konnten. Auf keinen Fall wollten wir in der Langen Reihe stranden, dies sollte nur ein vorübergehender Aufenthaltsort sein.

 

Er brachte eine Erfrischung, das Abkühlen unserer Temperamente und eine Beruhigung der Sinne.
So zogen wir weiter gen Brandenburg an der Havel.

 

                   

Wir befahren auf schmalen Wasserwegen die Stadt und sind bald im Zentrum an der Jahrtausendbrücke.

                                       

Von hier aus stürzen wir uns ins Getümmel, haben Zeit, die Schönheiten zu finden. Das sommerliche Brandenburg ist noch einladender als jenes, das ich im November kennen lernte.

               

Die Kirche wollte sich scheinbar nicht eindampfen lassen, das Foto sollte eigentlich kleiner erscheinen. Die Gasse hat sich gerne mit dieser Größe zufrieden gegeben, nimmt es ihr doch nichts von ihrem Charme.

              

Nun gut, wenn der Zufall es so will, auch hier hatte ich das Fotobearbeitungsprogramm um etwas Anderes gebeten, doch manchmal wollen Dinge anders zur Geltung kommen, als ich es für sie vorsah. Ich bestimme mich eben nicht nur selber, ich werde auch bestimmt und oft genug finde ich es sehr ratsam, mich diesem Bestimmtwerden nicht zu widersetzen. Vielleicht bin ich selber nämlich gar nicht so gut, wie der Zufall statt meiner es wirken kann. Und außerdem ist Geschehenlassen oft auch viel einfacher.

 

Jedenfalls liegen wir jetzt inmitten dieser Stadt, die Euch eben zeigte.
An beiden Seiten des Ufers befinden sich Terrassen, auf denen noch Menschen sitzen und den sommerlichen Abend genießen.

Heute können sie sich nicht gegenseitig zuwinken, sondern haben einen wahrlich seltenen Anblick vor ihrer Nase.

Das Aufrichten des Mastes ist inzwischen beinah ein Kinderspiel.

 

 

              

Mit zwei Bildern vom sauberen Wasser in der Stadt, ein paar Fischen und einer Wasserjungfer möchte ich mich für heute verabschieden.

Tina Turner bringt gerade auf arte ein Konzert, die WG konzertiert draußen und ich werde gleich an der Matratze horchen. Es war ein sehr zufrieden stellender Tag - nur mein Eiscafé in der Stadt war lauwarm, so was geht gar nicht!

 

 

Logbuch vom 1. August 2011

 

Der heutige Morgen empfängt uns schon wieder mit Niederschlägen. Dabei hatte der Wetterbericht anderes versprochen.

Noch einen Tag im Regen segeln? Nee.

Wie also planen wir den heutigen Tag?
Wir gehen mal davon aus, dass es irgendwann aufhört und deshalb werden jetzt erst einmal unsere Drecktapsen vom Deck gespült und dann

 

 

 

                   

gehen wir im Krampnitzsee vor Anker, um im Nieselregen ein erfrischendes Bad zu nehmen, mit dem Ruderbötchen auszufahren, das Ufer zu erkunden, Fotos vom Schiff zu machen, wie es da so liegt, so schön, so einsam, so schwer und groß, uns anzusehen, wie es um den Anker schwingt, ja eben all so was.

Und während wir das alles tun, verzieht sich der Regen. Wir schenken ihm ja auch keine Aufmerksamkeit mehr.

 


 Nach dem gleichen Motto könnte man sagen:

"Kopf hoch, Hanna, auf dass wir durch die Brücken passen!"

Der Wasserstand der Havel ist im Laufe der letzten Regenzeit nämlich um ca. 60 Zentimeter angestiegen. Das entnehmen wir unserer persönlichen Wasserstandsmesslatte in Spandau (wir zählen an der Kade immer die Anzahl der Stufen, die von der Rettungsleiter aus dem Wasser gucken, und jetzt fehlen eben zwei).

 

 

                 

Obwohl wir inzwischen schon längst wieder mit gelegtem Mast fahren, sind wir doch eine kleine Attraktion auf dem Wasser. Auf dem Sacrow-Paretzer-Kanal begegnen uns Salonboote, Wellblechhüttenflösser

 

 

 

und Eingeborene in ihren Einbäumen.

 

 

 

 


Wir wiederum freuen uns darüber, ihn zu sehen: den Wappenvogel Brandenburgs, den roten Adler oder ebenso richtig: der rote Milan.

Seine Art ist nicht sehr verbreitet und lebt vorwiegend im östlichen Mitteleuropa (ehemalige DDR, Polen, Norddeutschland bis Nordfrankreich). Er ist ein Zugvogel, der im Mittelmeerraum überwintert. Unser Freund Manfred sagt: "Wenn er hier ausstirbt, isser wech."

Dies scheint ein Jungvogel zu sein, der, finde ich, ganz proper aussieht. Er ist kein guter Jäger und ernährt sich auch von Aas. Gehören dazu eigentlich auch übrig gebliebene chicken wings vom Abendessen?

 

 

                           

Am Ende des Kanals, auf etwa halber Strecke nach Brandenburg an der Havel  liegt der kleine, romantische Fischerort Ketzin. Wir waren hier noch nie mit unserem Schiff. Also los, hinein in das neue Fahrwasser und schauen, wie es hier aussieht, ob wir hier anlegen könnten mit unserem Kahn.

Am Ende der Wasserstraße links ist noch eine große Verladestelle für Binnenschiffe, die benutzt wird. Dort können wir nicht liegen. An den Yachtsteigern ist zur Zeit alles belegt. Rechts, wo mehrere Straßen bis hinunter zum Wasser führen, gibt es zwei Anleger für Fahrgastschiffe.

Dort machen wir erstmal fest.

Ein netter Holländer, der im Yachthafen liegt, hat Bernd inzwischen übers Marifon informiert, dass wir später dort einen Liegeplatz erhalten - mit Strom und Wasser! Na, wer sagt's denn? Stromgewinner!

 

Bis dahin gehen wir den Ort verkennen, wie es der Niederländer sagt, erkunden heißt es bei uns.

 

 

In Ketzin, so sagt die Tourismusbroschüre, sei es, als sei die Zeit stehen geblieben. Dem allerdings möchte ich widersprechen, denn den Ort, wo die Zeit still steht, den haben wir just in Thüringen entdeckt. Dieser Ort heißt Orlamünde und wer daran interessiert ist, sein Leben z.B. um etwa zehn Jahre zu verlängern, dem sei geraten,

                  

sich dieses Anwesen im oberen Orlamünde zu erwerben, vielleicht mit mehreren Leuten, einer WG, und für ein Jahr in diesen Ort zu ziehen. Dort vergeht die Zeit so langsam, dass man vermutet, dort zehn Jahre seines Lebens verbracht zu haben, währenddessen in der Normalwelt nur ein Jahr verstrichen ist. Das ist doch ein gefühlter Gewinn an Lebenszeit. Ein magischer Ort mit einem Objekt, dass diesen Traum wahr werden ließe.

So etwas ähnliches verspricht Ketzin in seiner Broschüre auch, aber dies Versprechen können sie nicht einhalten, dazu ist hier zuviel los. In einem Ort, in dem sich ein Aldi befindet, ein Lidl mit französischem Programm und noch ein weiterer Supermarkt kann die Zeit nicht stehen geblieben sein. Hier ist die Zeit angekommen.

Und wir heute auch.

 

Das Amphitheater ist z. Zt. zwar noch etwas verwaist - aber, wer weiß?

In diesem kleinen Ort ist mehr Potential als die niedliche Fähre und die Havelpromenade uns weis machen wollen.

Wir freuen uns über den heutigen Besuch, wir werden hier öfter erscheinen. Vielleicht sehen wir hier eines Tages noch ein Theaterstück?

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
ein Birnbaum in seinem Garten stand.
Und kam die goldene Herbsteszeit
und die Birnen leuchteten weit und breit,
da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,
der von Ribbeck sich beide Taschen voll.
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
so rief er: "Junge, wiste ne Beer?"                                      
Und kam ein Mädel, so rief er: "Lütt Dirn,                           
Nun, noch ist ja Sommer und
kumm man röwer, ik hebb ne Birn."                                      
Fontane hat auch Anderes geschrieben.

 

 

 

Logbuch vom 31. Juli 2011

Wir sind wieder unterwehegs. Diesmal für 'ne ganze Woche. Wie in alten Zeiten.
Und außerdem ist es noch ein klitzekleines Abenteuer, denn wir wissen gar nicht genau, wo wir Wasser oder Strom bekommen werden auf der Reise. Sicher ist jedoch, dass wir beides brauchen werden.
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt - lasst uns also zu den Gewinnern gehören, zumindest zu den Stromgewinnern.

 

 

Auch heute noch ist der Himmel verhangen. Die Wolken sind schwer und lassen die Feuchtigkeit los, die sie nicht halten können. Sie fällt auf uns nieder, manchmal in Tropfen, zumeist in feuchten, warmen Schleiern. Weich.

Gut für die Atemwege und für den Teint.
Gut für Menschen, die Alleinsein mögen.
Gut für ernste Gedanken.

 

 

 

 

Und was soll's?

Diese Feuchtigkeit muss eben auch gut sein für eine Urlaubsreise mit einer Wohngemeinschaft. Wenn ich mich an meine WG-Zeit erinnere, gab es da auch nicht immer nur heitere Tage.

Wir werden eben das Beste daraus machen

 


 

und wie wir sehen, sind noch mehr Leute unterwegs.


                 

Fahrradfahrer schieben ihre Räder durch die Pfützen, Kanuten sind dem Wasser eh so nah.

 

                  

Regen eignet sich auch gut für ein Zusammenrücken unterm Schirm oder für fröhliche Familienausflüge.

 

                                    

                         Echte Leseratten stört nichts und echte Segler eben auch nicht.

Doch wenn man dann irgendwann doch genug davon hat, dann

                        

kuschelt man sich am Ufer unter einen Baum und richtet sich schnell die Antenne fürs Fernsehprogramm.

 

 

 

LOKbuchbericht über den Besuch einer Institution, die mithilft, eine aussterbende Rasse am Leben zu erhalten.

 

Das Dampflokwerk Meiningen

Teil 2
(Teil 1 suchen Sie einfach etwas weiter unten)

 

Eine Dampflokomotive, die sich auf Deutschlands Schienen bewegen will, muss regelmäßig und öfter als ihre modernen Kolleginnen gewartet werden. Sachverständige überprüfen hierzu alle 4 Jahre den Kessel und alle 8 Jahre das Fahrwerk. Die Hauptrevision einer Dampflok kostet heute round about 300.000,- €. Zumeist sind es jedoch Vereine, die diese alten Dampfrösser am Leben erhalten. Ich frage mich, wie es ihnen gelingt, diese Summen aufzubringen, über die ich mir vor meinem Besuch in Meiningen keine Vorstellung machte.

Wenn eine Hauptuntersuchung fällig ist, wird die Lok nach Meiningen gerollt, dort inspiziert und ein informelles Angebot geht an die Eigentümer. Um solch eine Befundung vornehmen zu können, muss die gesamte Lok demontiert, vermessen und begutachtet werden. Jetzt erst wird gemeinsam mit den Eigentümern entschieden, wie verfahren werden soll in Hinblick auf die Ausbesserung oder den Neubau wichtiger Teile, daraufhin kann der Preis verhandelt werden.

Eine Demontage der Lok bezieht sich auf Rahmen, Radsätze, Steuerung, Befeuerung sprich Kessel.

               

An dieser 52iger sind beispielsweise alle Achsen demontiert, die Räder befinden sich in der Radschmiede zur Aufarbeitung.

               

Auch ein großes Treibrad der "01" sowie deren kleine Schwestern einer Schmalspurlokomotive finden wir hier.

             

Diese Jungs wollen neu bereift werden, tragen die Räder einer Lok doch erheblich zu ihrer Fahrsicherheit bei. Mit Hilfe von Ultraschall wird das Material auf Fehler untersucht, gegebenenfalls müssen neue Radreifen angefertigt werden. Die alten Reifen werden demontiert, der Sicherungsring, genannt Sprengring, entfernt. Auf einer ziemlich großen Drehbank werden nun neue Reifen angefertigt.

Um sie aufziehen zu können, müssen sie zuvor erwärmt werden auf ca. 400 Grad Celsius. Dies erfolgt mittels einer herzerwärmenden Induktionsmaschine. Den Vorgang des Radaufziehens nennt man sinnig Aufschrumpfen, ein neuer Sprengring, der zusätzlich das Ablaufen eines Reifens sichern soll, wird im selben Arbeitsvorgang angebracht.

 

Ein weiteres Herzstück des Meininger Betriebes, in dem übrigens jedes der über 10.000 Teile einer Dampflokomotive auch neu angefertigt werden kann, ist die Kesselschmiede. Der Kessel gehört nun mal zur wichtigsten Baugruppe einer Dampflok. Da ein Kessel den enormen Kräften eines Dampfdrucks von bis zu 16 bar standhalten muss, kann solch eine Revision schon mal bis zu 6 Monate dauern.

                 

Wir kommen nun zu den Teilen, die mein ästhetisches Empfinden am allermeisten ansprechen. In der "Natur" sieht man sie allerdings selten nackt. Was ich meine, sind links der Stehkessel, an den sich der Langkessel anschließt (auf dem Foto nicht mehr ganz sichtbar), auf dem rechten Foto die wunderschöne Feuerbüchse, die sich geheimnisvoll im Stehkessel verbirgt.

In der Feuerbüchse finden die satanischen Vorgänge statt, sprich das Feuer. Haben nicht um 1829, als die Brüder Stevenson die erste brauchbare Lok entwickelten, Priester noch vor den teuflischen Gefahren dieser Ungeheuer gewarnt? Die Löcher in der Feuerbüchse sind für Rohre, durch die die Heizgase ziehen. Außen sind tausende so genannter Stehbolzen angebracht, die den Abstand gewährleisten zwischen der Innenseite des Stehkessels und der Feuerbüchse darinnen. Diese Stehbolzen werden im Gebrauch der Dampflok permanent von Wasser umspült.

Das Wasser kocht, erzeugt Dampf, der sich im oberen Teil des Kessels, genannt Dampfdom, sammelt. Der Lokführer entscheidet, wann er den Dampf freigibt, damit dieser sich durch das ausgeklügelte Rohrsystem im Langkessel noch weiter verdichten und erhitzen kann, um endlich dorthin zu gelangen, wo er mit seinem Druck die Zylinder antreibt.

Alte Kessel, wie oben im Bild, sind noch genietet,

              

neuere Kessel werden heutzutage geschweißt. Die Schweißnähte allerdings werden penibel mit Röntgentechnik überprüft, sind sie doch diesem ungeheuren Druck ausgesetzt.

Ein Unglück, das im Mai 1951 im Meininger Werk geschah, macht dies deutlich. Eine angeheizte Feuerbüchse platzte, der Kessel riss sich vom Rahmen los und wurde durch die Mauern des Gebäudes noch 100 Meter entfernt in den Hof eines nahen Krankenhauses geschleudert. 11 Tote und 30 Verletzte sind die traurige Bilanz von zwei zur gleichen Zeit versagenden Sicherheitssystemen, die dem Heizer hätten anzeigen müssen, dass der Druck im Kessel bereits vollständig erreicht war.

 

               

Diese beiden Maschinen dienen dem Kesselneubau. Links sehen wir eine Blechschere, die bis zu 14 mm dickes Blech bewältigt. Oben rechts ist die Blechschmiege, eine Kesselblechbiegemaschine. Nachdem der Stahl für die Kesselschüsse (das sind Langkesselteilstücke) zurechtgeschnitten wurde, werden diese unkultiviert großen Stücke Metall in Form gebogen. "Das kann schon mal einen ganzen Tag dauern, bis so ein Stück fertig gebogen ist" erzählt uns der Meister, der uns durchs Werk führt. Dieser Vorgang muss derart behutsam erfolgen, damit in dem Metall auf keinen Fall Schäden entstehen. Welche Ausdauer braucht dies! Einen ganzen Tag damit beschäftigt zu sein, ein Stück Metall in Form zu biegen. Danach ist der Arbeitstag rum. Meine Hochachtung für die Geduld, die hier vonnöten ist.

Auf dem Gebiet Kesselinstandhaltung und vor allem im Kesselneubau sind die Meininger diejenigen mit der größten Erfahrung (so sagen sie jedenfalls). Hier verbindet sich modernste Computertechnologie mit alter Tradition.

 

 

 

 

Während die Konstruktionszeichnungen der neuen Kessel längst vom Computer vorgenommen werden und die Teile bereits hochmodern, computergesteuert ausgesägt und zugeschnitten werden, stehen in der Werkstatt immer noch eine Anzahl kleiner Bohrer bereit, mit denen z.B. Öffnungen für Rohre in die Kessel gebohrt werden - während der Schweiß von der Stirn auf die Hand tropft, die diese Bohrmaschine hält.

 

 

 

Ja, und jetzt ist sie beinah zu Ende, meine kleine Reise durch das Dampflokwerk Meiningen, über die ich Lust hatte, einen Logbuchbericht zu schreiben. Wenn ich auch mit Dampflokomotiven an sich nicht viel am Hut habe, so fasziniert mich immer wieder alte Technik. Und ich brauche Zeit, um sie zu verstehen. Bernd half mir ein wenig dabei, allerdings hat er mir nichts in die Tasten notiert. Ich habe mehr gesehen, als ich hier zeigen könnte und ein Besuch in diesem Kultladen würde ich sagen, ist lohnenswert. Noch ein paar optische Eindrücke zum Schluss -

                  

                             Bremsbacke                                                                           Fräse

 

                   

                                                Waschgelegenheiten für Mensch und Metall

 

                               

                                                          kleine Arbeitsplätze, liebevoll gestaltet

 

                 

                                                        wird nicht mehr gebraucht

 

                   

 

                 

 

 

                 Und jetzt ist endgültig

                          Feierabend.

 

 

 

 

 

Das Dampflokwerk Meiningen

Teil 1

 

Was Wacken für Heavy Metal Fans in der ganzen Welt bedeutet, wofür Mekka im Herzen gläubiger Muslime steht, das ist Meiningen für die Freunde der Dampflokomotiven auf unserem Globus. Ein Pilgerort in Thüringen, "hinterm Wald", wie man früher in der DDR sagte. Die Tatsache, dass dieser Ort lange Zeit unerreichbar war für jeden westlichen Touristen, belegte ihn zusätzlich mit einem Nimbus, der selbst mich ein wenig neugierig machte.

Dem alljährlichen Dampflokfest, zu dem es am ersten September Wochenende genau so viel Menschen in die Stadt zieht, wie Meiningen an Einwohnern zählt, über 20.000 nämlich, kann ich gerade noch widerstehen. Eine Werksführung jedoch, die mittlerweile schon jeden zweiten Samstag stattfindet, interessiert mich.

Auf dem Parkplatz staune ich das erste Mal, denn die Autos kommen von weit her: aus England, den Niederlanden, der Schweiz und Österreich und aus allen Ecken Deutschlands. Wir sind eine Gruppe von vielleicht 20 bis 30 echten Pilgern und deren Angehörigen, zu denen ich mich zähle. Sehr professionell stehen zwei Werksangehörige bereit, die eine kleine Einführung geben, einen sehr informativen und guten Film zeigen über das Werk und dann die Gruppe aufteilen, um auch Qualität abzuliefern für die 5 € Eintrittspreis.

Seit 1864 werden in Meiningen Lokomotiven repariert, 1914 ging der moderne Neubau des Reichsbahn-Ausbesserungs-Werks Meiningen in Betrieb. Bald schon operierten hier 3.000 Arbeiter, die täglich bis zu 3 Dampfloks als "repariert" entlassen konnten. Heute arbeiten noch 115 Leute im Dampflokwerk Meiningen, die ihr Spezialistenwissen an jährlich drei neue Auszubildende weitergeben und mit ihrer Arbeit im letzten Jahr einen Umsatz von 8,5 Mio € erzielten.

                   

Zur Zeit befinden sich diese beiden "52iger" in der großen Werkshalle. Die Meininger bekamen den Auftrag, aus diesen beiden, nicht mehr funktionstüchtigen Loks eine zu bauen, die wieder fahren kann und den Ansprüchen des TÜV genüge tut. Die übrig bleibende, ausgeschlachtete, wollen die Auftraggeber, die Eisenbahnfreunde aus Leipzig, wieder zurück haben und in ihr Museum stellen.

Jede Dampflokomotive, die bei uns zur Personenbeförderung im Einsatz ist, unterliegt, wie auch ihre modernen Schwestern der Neuzeit, strengen TÜV-Bestimmungen, die das Eisenbahnbundesamt kontrolliert. Zu diesen Hauptuntersuchungen, die mind. alle 4 Jahre erfolgen, müssen sich die immerhin noch 230 funktionstüchtigen Exemplare dieser aussterbenden Gattung, die es allein in Deutschland gibt, irgendwo vorstellen. Konkurrenzbetriebe in Polen, Ungarn, Tschechien, Rumänien und noch ein deutsches in Klostermansfeld werben um die Gunst der Eisenbahnvereine, die diese Aufträge vergeben. Doch, was will man machen - Meiningen ist nun mal KULT, setzt Standards und verfügt über Personal, in dessen Erbgut das Wissen um die 10.000 Einzelteile einer Dampflok vermutlich bereits diffus verankert ist.

 

Hier steht z.B., beinah fertig, der komplette Nachbau der kleinen Dampflok ADLER.

Als Laie weiß man natürlich nicht, welch große Bedeutung sich hinter diesem Namen verbirgt. Die ADLER war 1835 die erste deutsche Dampflokomotive, damals noch in England gebaut, die in 1935 nachgebaut werden musste und tragischerweise vor ein paar Jahren in einem DBMuseum in Nürnberg verbrannte. Da ein Eisenbahn-Deutschland ohne die ADLER kaum vorstellbar wäre, haben die Meininger sie nachgebaut.
 

 

Im hauseigenen Zeichnungsarchiv lagern hierfür allein 20.000 Zeichnungen von Dampflokomotiven aller Epochen. Es ist das größte Archiv dieser Art in Europa; Zeichnungen, die zum Teil mehr als hundert Jahre alt sind, werden heute sorgsam auf moderne Computertechnologie übertragen.

Und um zu zeigen, dass Meiningen mehr kann, als sich der Erinnerung zu widmen und Nostalgie zu bedienen,

                    

sehen wir links eine der nagelneuen Hochleistungsschneeschleudern der DB, die in Meiningen angefertigt werden, sowie auf dem rechten Foto einen der 49 Schneepflüge der DB, die hier regelmäßig gewartet werden.

                    

Daneben finden wir in der riesengroßen Werkshalle einen frisch renovierten, antiken Reisewagen der bekannten Bäderbahn MOLLY vor, der bald wieder seine kleinen und großen Gäste zwischen Bad Doberan und Kühlungsborn an der Ostsee über die Schienen schuckeln wird.
Gegenüber stehen mehrere Güterwaggons der DB. Allein 3.000 Stück davon werden hier in nächster Zeit sukzessive angeliefert, komplett überholt und zurückgeschoben in den rollenden Arbeitskreislauf.

 

                   

An einem Samstag, wenn hier die Arbeit ruht, wirkt alles wohl geordnet, sauber weggestellt, trotz der unglaublich großen Mengen an Maschinen, Material, Werkzeugen, altem und neuem Eisen, ja ganzen Lokomotiven, Fahrzeuggestellen, Kesseln, Radsätzen etc. - alles Dinge, die sich in irgend welchen Arbeitsabläufen befinden. Ich kann mir heute kaum vorstellen, wie laut es am Montag hier wieder sein wird - der Lärm von Kränen, die unaufhörlich und überall gebraucht werden, um die schweren Teile zu bewegen, das Widerhallen von Werkzeug, das zu Boden fällt, die Geräusche all der schweren Maschinen, die bei der Fertigung von neuen Teilen im Einsatz sind, das Blitzlichtgewitter der Schweißapparaturen, das den Raum erhellt, ein Behämmern, Klopfen, Bohren und Biegen von Metall.

                  

Eine ausgesucht kräftige Schar von Werktätigen widmet sich dann wieder mit Leidenschaft und Enthusiasmus, ja, ich glaube mit einer gewissen Liebe ihrer Arbeit, wissend darum, dass sie in ihrer Qualifikation nicht eben austauschbar sind und dass sie, vielleicht noch mehr als in anderen Betrieben, eine Art Gemeinschaft bilden, bei der Beruf und Hobby zur Symbiose werden. Ihr ehemaliger kleiner Landesfürst blickt noch heute aus seinem Winkel stolz auf sie herab. Sie gehören zur privilegierten Arbeiterklasse im Materialismus. Ich hätte keine Einwände gegen eine natürliche Infiltration dieser Ideale auf größerer Ebene und gegen eine langsame Veränderung unserer gesamten Arbeitswelt, die sich mehr an menschlichen Bedürfnissen misst. Dazu bedarf es allerdings einer Überprüfung unserer eigenen Verhaltensweisen, was den Konsum betrifft und unseres Verständnisses von Luxus. Darüber hinaus ist Mut gefragt, um nämlich bewusst Abstand zu nehmen von denen, die uns weis machen wollen, was wir alles zu brauchen haben, von denen, die vielleicht auf uns herabsehen, wenn wir diese Dinge nicht besitzen, die doch ein jeder haben müsste und oben her den Mut, zu unserer eigenen vermeintlichen Spießigkeit zu stehen, die uns sagt, dass Dinge, die wir aus unserer Kindheit kennen, doch gar nicht so schlecht waren, die wir mögen und an denen wir hängen.

                                                              Ende   LOKbuchbericht   1. Teil

                                                              Teil 2 bitte weiter oben suchen

 

 

 

 

Logbuch vom 15. Juli 2011

Urlaub.
Für mich ist das immer so eine Sache, schon seit vielen Jahren.
Weil ich richtigen Urlaub eigentlich nie wirklich brauche.

Ganz früher bedeutete Urlaub für mich, aus dem Alltagstrott heraus zu kommen, mal etwas anderes zu sehen oder zu machen. Heute ist mein Leben so vielfältig, so interessant, so unterschiedlich in seinen Anforderungen und dem, was das Leben mir gibt, dass ich kein Bedürfnis habe, Urlaub zu machen. Urlaub wovon?

Gegenüber Menschen, für die das Wort REISEN so eine hohe Bedeutung hat, komme ich mir da immer etwas doof vor. Denn sie suggerieren mir manchmal, kein Interesse zu haben an der Welt, nicht neugierig zu sein auf Fremdes, vielleicht sogar Unbeweglichkeit? Ich kann das nur so hinnehmen und für mich eine eigene Bewertung vornehmen. Und die sieht so aus, dass ich mein ganzes Leben wie eine Reise empfinde zu der ich mich vor genau 52 Jahren aufmachte. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde, keine Ahnung, welchen Schwierigkeiten ich begegnen würde, keine Ahnung, was für Überraschungen ich erleben würde. Ich wusste nicht, wie viel in meiner Nähe ich als fremd, als nicht zu mir gehörig erfahren sollte und wie viel Trauer dies in mir auslösen sollte und dass ich auf meiner Reise beglückend beschenkt werden sollte mit Begegnungen von Menschen und Gegenden, die mir als unglaublich vertraut und nah erscheinen sollten, die in mir ein heimatliches Gefühl erweckten, fern von zu Haus. Ich erlebe auf meiner Reise spannendste Abenteuer, die mich über Wochen nicht recht schlafen lassen und deren Ausgang ich nicht kenne. Ich erlebte Grenzerfahrungen, ich erlebte schmerzliche Einsamkeitsgefühle und tödliche Langeweile, die ich kaum zu ertragen glaubte. Ängste, Anstrengungen, Schweres ebenso wie Glück, Frieden und übergroße Freude. Die Liste ist noch nicht zu Ende, aber ich will niemanden langweilen mit Dingen, die Ihr alle selber kennt.

Das Verlangen zu REISEN also ist bei mir, vielleicht weil ich mein Leben so empfinde, nicht besonders stark ausgeprägt. Als Homöopathin ist das Verlangen zu reisen ein Indiz für eine tuberkulinische Belastung in der Genetik und ein Anzeichen dafür, dass in dem jeweiligen Menschen eine große unbefriedigte Sehnsucht bestehen kann, die er im Reisen versucht zu erfüllen, die sich dort allerdings nur erfüllt, wenn er sich selber findet, der Mensch. Hat er sich gefunden, nimmt das immense Verlangen zu reisen ab.

Aber Gott sei Dank gibt es viele von diesen Tuberkulinikern in der Welt, denn wie wären sonst Wohnmobile zu verkaufen oder Kreuzfahrten, was wäre mit der ganzen Tourismusindustrie, zu der Bernd und ich ja auch selber immer noch ein wenig gehören?

Und so reisen wir eben im Urlaub alle irgendwohin. Weil es dazugehört, weil es jeder tut, weil es zum selbstverständlichen Luxus gehört, den man sich schon leisten sollte - wer ist man sonst? und weil wir etwas suchen, das uns im Alltag fehlt.

Uns fehlten z.B.

                                             

                                                                                    runde Türme,

                                             

 

 

                 

                                                                                         Viadukte,

                   

 

                    

                                                                                         Gullideckel.

                    

Wir sehen all diese Dinge und sammeln sie in unserem Kopf.

Wir betraten verschiedene Tempel

                     

                                          

                                       und ergötzten uns an ihren heiligen Innenräumen.

 

                  

                                                         Uns begegneten wilde Tiere,

                    

                                                             Drachen und Dämonen.

 

                            

Ich sah überraschend liebe alte Freunde wieder                                    und entfernte Bekannte.
Bernd hingegen weiß auf einer Reise immer, wo er seine Freunde zu suchen hat

              

                                                             und er findet sie auch.

 

So ziehen wir auf dieser Reise durch die Welt Thüringens und Sachsens, um uns bekannt zu machen mit einer Welt, die so lange verschlossen war für uns.

               

Was uns die Bretagne nicht bieten konnte, hier finden wir es - wunderschöne Plätze zum Übernachten und Verweilen.

                

 

 

 

 

 

An den Hängen von Thüringens Fjorden blüht zu dieser Zeit duftendes Oreganum,

 

 

 

 

 

 

in Ferropolis in Sachsen leben Ungeheuer aus altem Eisen.

 

 

 

               

Der Wendelstein in Torgau ist reines Marmor und von einem großen Künstler geschaffen, ein Schneckenhaus auf dem Weg ist nicht weniger kunstvoll.

                 

Den Evolutionswissenschaftler Haeckel besuchen wir in Jena, das Meisterwerk eines Gerüstbauers konnten wir an der Göltzschtalbrücke besichtigen, dem größten, steinernen Viadukt der Welt.

                 

Dem alten Goethe sind wir nahe auf dem Goethewanderweg, den jungen Hemmingway hören wir jeden Abend im vorzüglichen Kultursender des MDR auf Figaro. Und hier wohnt ein bisher noch unbekannter Philosoph.

 

                 
Auf den Campingplätzen sind die Waschräume viel sauberer. Im alten Detroit der DDR (Zwiggau) wurde uns schnell und billig geholfen.

 

              

Und ob wir am Fichtelberg oder an der Ilm die Aussicht genossen und auf den Abend warteten,

              

als Tageslichtabschlussgetränk ist ein hiesiger Tropfen von Saale und Unstrut doch sehr zu empfehlen.

"An der Saale hellem Strande
  stehen Burgen stolz und kühn.
  Ihre Dächer sind zerfallen
  und der Wind streicht durch die Hallen -
  Wolken ziehen drüber hin."

 

 

Logbuch vom 6. Juli 2011

                     

Nach Bickbeerpfannkuchen, in ausgelassenem Speck gebraten, steht mir seit einiger Zeit der Sinn. Die heute gefundene Menge der Blaubeeren reichte zwar noch nicht aus, unser Gaumen erhielt dennoch Gelegenheit, sich mit dieser köstlichen Frucht wieder aufs Neue anzufreunden.

Das Leben kann wieder draußen stattfinden. Die Rasenmäher wiehern schon in der Garage - wer sie raus lässt, braucht nur noch hinterher zu laufen.

                  

Hinter Chemnitz erscheint über der Straße in der Luft ein altes Viadukt, danach sieht man die kleinste Burg Sachsens, Burg Rabenstein, und dahinter liegt ein Campingplatz im Wald. Dieser Wald gehört zu einem Höhenzug mit Namen Totenstein - da man hier lange vergeblich nach wertvollem Erz suchte. Dafür finden sich Farne, die auf Bäumen wachsen - etwas, das sonst nur in Urwäldern zu sehen ist. Epiphyten.

Ein ausgedehnter Spaziergang führte uns heute durch diesen dichten Wald bei sommerlicher Hitze. "Saunawald" war dann auch die Bezeichnung, die Bernd ihm gab.

 

                              Wasser                                 und                                   Burgen

                 

sind zwei Dinge, die gut zueinander passen und die uns auf unserer Reise begleiten.         Torgau,

                 

         irgendwo in der Nähe von Strehla,                                                      Meißen.


 

 

Schönheit, Elbe und Burgen  -
mehr und mehr erinnerten wir uns an die Loire.

 

 



 

                    

 


Worin liegt denn eigentlich der Unterschied zu Frankreich?

Im Lebensgefühl?
Aber das entsteht doch in uns, das machen wir doch selber!

 

 

 



 

                    

Sind wir nun in Frankreich oder in Deutschland? Sind die Fotos von dieser Sommerreise oder von der letzten?

                            

Wer weiß, wer weiß?

 

Die Stimmung eines Landes beeinflusst uns, wenn wir dort sind. Diese Stimmung im Land und in den Bewohnern wiederum wird erzeugt durch die Landschaft, das Klima, politische Umstände.

Doch ganz viel hängt auch von uns selber ab. In jeder Situation. Ob im Urlaub oder im Alltag. Unser Blick auf die Welt, das, was wir in ihr sehen, macht es zu unserer Welt.

Und dass meine Welt eine ist, die ich mag, dafür sorge ich täglich.

 

 

 

 

Logbuch vom 5. Juli 2011

Seit drei Tagen regnet es beinah unentwegt. Frühstück und Abendessen findet nicht etwa draußen statt mit unserer schönen, transportablen Gartengarnitur, sondern im VW-Bus auf der Matratze. Der Hund liegt im Fußraum und nimmt es hin, wie auch wir uns arrangieren mit der Situation. Ja, wir könnten uns auch ein Zimmer nehmen, aber die Hoffnung, dass der Regen gleich wieder aufhören möge, lässt uns im Bulli verbleiben. Schließlich sind wir gewohnt, auf engem Raum miteinander zu leben, wir stören einander nicht.

Der VW-Bus ist die kleinste Welt, die ich je bewohnt habe. Und z. Zt. genieße ich die Abgeschiedenheit, die er mir bietet. Ich fühle mich wie in einer Muschel zurückgezogen, niemand kommt an mich heran. Niemand will mit mir reden, denn man kennt mich hier nicht. Ich teile meine Eindrücke nur mit Bernd und dem Hund, der schweigend zuhört.

Gestern Nacht allerdings musste ich meine Schale für einen Moment öffnen, um meinen Personalausweis aus der Tasche zu holen. Eine eifrige, kleine Polizistin mit ihrem verlegenen Kollegen klopfte in dunkler Nacht unsanft gegen unsere VW-Bus Tür, leuchtete mit ihrer Taschenlampe in unsere verschlafenen Gesichter, nachdem Bernd sich bekleidet und diese geöffnet hatte und nahm uns ins Verhör. "Was machen Sie hier?" wurden wir misstrauisch befragt. "Wo kommen Sie her? Was wollen Sie hier?" "Wir sind unterwegs, um uns Sachsen und Thüringen anzusehen, wir kommen gerade aus Berlin und auf diesem Parkplatz wollten wir einfach nur schlafen. Wir haben hier doch ganz ordnungsgemäß geparkt, neben uns der ausgewiesene Badesee, dies ein ausgewiesener Parkplatz..." Den männlichen Kollegen hatten Bernds Ausführungen bereits überzeugt, obwohl "Sie ja schließlich so einen alten T4 fahren, der unsere Aufmerksamkeit erregen muss". Nur die kleine, eifrige Polizistin ließ in der Dunkelheit nicht locker. "Die Ausweise bitte!" Uns so kramten wir mithilfe der polizistischen Beleuchtungsinstrumente unsere Personalausweise herfür und hörten, wie die kleine Frau unser Vorstrafenregister abzufragen versuchte. Der Mann bewachte uns solange mit seiner Lampe, ihm war die Situation mittlerweile schon etwas unangenehm, denn sein Gefühl hatte begriffen, dass in dem verdächtigen T4 nur harmlose Urlauber unter ihrer Bettdecke saßen.

Eine groteske Situation war das.


Allerdings halten wir der jungen Polizistin zugute, dass sie sich in ihrer Aufgabe verantwortlich fühlte, um den nächtlichen Diebstählen in der Nähe Einhalt zu gebieten.

Dem großen Schaufelradbagger wenige hundert Meter entfernt von uns fehlen nämlich seit einiger Zeit diverse Kabel. Bis vor kurzem konnte er noch bewegt werden, war theoretisch sofort einsatzfähig. Nun wurden dem Ungetüm seine Adern gezogen. Man hat die lieben Nachbarn in Verdacht.

 

 

Dies ereignete sich in der unmittelbaren Nähe von Görlitz, der östlichsten Stadt Deutschlands.
Freunde aus Holland hatten uns im letzten Herbst enthusiastisch von ihrem Görlitzbesuch berichtet, begeistert von der Schönheit dieser Stadt erzählt. Durch einen Bericht im Fernsehen waren Bernd und ich zuvor schon aufmerksam geworden, denn ihm zufolge zieht es viele dt. Pensionäre aus Spanien dorthin. Die Mieten sind günstig, die Stadt wunderschön und den Arzt, die Brille und die Zähne zahlt hier die deutsche Krankenversicherung.

Görlitz war früher eine Stadt, die sich zu beiden Seiten der Neiße ausdehnte. Heute heißt der polnische Teil Zgorzelec, eine Fußgängerbrücke führt von der Altstadt hinüber.

Die vermeintliche Menge an Rückzugsrentnern aus Spanien fiel uns in der Stadt nicht auf. Es gibt genügend junge Menschen, die dort wohnen, leben und arbeiten. Sie werden im Stadtbild ergänzt durch eine Anzahl Touristen verschiedener Länder, auch solche, die sich vom Jugendstilbahnhof aus mit Rucksäcken in die Altstadt und zur Neiße hinunter bewegen.

 

Diese Stadt hat den 2. Weltkrieg und die Abbruchwellen der Nachkriegszeit fast unbeschadet überstanden, und so kommt der Besucher aus dem Staunen nicht heraus, wenn er durch die Straßenzüge und über die vielen Märkte schlendert. Ich zitiere aus einem Stadtführer: "ein einzigartiges urbanes Gefüge, das als ein steinernes Bilderbuch der Architekturgeschichte von der Gotik bis zum Jugendstil zu abwechslungsreichen Erkundungen einlädt."

               

 

                

 

                 

Prächtig Renoviertes findet man allerorten, aber auch Vieles, das noch der Liebe von so manch Handwerker bedarf.

                               

Darum wirkt diese Stadt auch nicht überrestauriert wie eine Diva, die gerade aus der Maske kommt, sondern eher wie der Inhalt eines langlebigen und benutzten Schmuckkästchens, indem alte, ein wenig vergessene Stücke ebenso zu finden sind wie diejenigen, die ständig benutzt werden.

                

Die Görlitzer mit ihrer Lage am äußersten Rande von Deutschland hatten Zeit nach der Wende, um langsam, Stück für Stück in Eigenregie selbst zu bestimmen, wohin es mit ihrer Stadt gehen sollte. So scheint es zumindest. Und so wird nach den vielen Jahren DDR-Zeit das Alte wieder wertgeschätzt, für schön befunden und angepasst an heutige Wohn- und Lebensstandards. Görlitz ist eine Stadt, die nach meinem Empfinden viel Glück gehabt hat in ihrer Geschichte.

 

Ganz im Gegensatz zu Dresden.

Unsere Reise galt zunächst einmal ihr, der Stadt, die man Elbflorenz nennt. Denn ich war noch nie in Dresden und stellte mir wer weiß was darunter vor. Ich kann kaum beschreiben, wie es mir dort erging.

Man geht von der schönen Neustadt (dem jüngeren Alten) aus über diese Brücke und sieht dort eine Art Kulisse stehen, die 200 m dahinter abrupt abbricht. Man ahnt, wie weit sich diese Bauten einmal in die Tiefe, in der Breite erstreckt haben müssen, doch davon ist nichts mehr da. Weg. Verschwunden. Ausradierte Geschichte. Ich hatte einen Kloß im Hals, noch bevor ich das andere Ufer erreichte. Und diese Trauer verließ mich nicht, solange wir in Dresden waren.

                 

Hinter der Kulisse von Schloss, Brühlschen Terrassen, Semper-Oper und all dem Bewunderten findet man das. Irgendetwas musste man ja bauen, Straßen, Plätze gab es nicht mehr, es war leer oder besser gesagt voll mit Schutt.

Ich nehme an, Dresden war mal eine wunderschöne Stadt an der Elbe, eine Perle, imposant. Der Versuch, den zerstörten Kram wieder aufzubauen, ist wohl irgendwie ehrenhaft - aber das einstige Gefühl dieser Stadt ist dadurch nicht wieder zu erlangen. Auf mich wirkt es wie ein Puppentheater, ja, unecht - und das schockierte mich am allermeisten, denn dieser Eindruck war völlig unerwartet. Das ganze Theater um diese eine Brücke und die Wichtigkeit des Weltkulturerbe-Status erscheint mir angesichts all dieser Nachbauten lächerlich. Ich möchte an dieser Stelle ungern die Gefühle eines Dresdner Bürgers verletzen, der stolz ist auf die nachgebaute Frauenkirche. Ich war zum ersten Mal in dieser Stadt und habe erkannt, was für eine Zerstörung dort vorgenommen wurde. Ich kann mir heute vorstellen, warum genau diese Stadt ausgewählt wurde. Es wird das Herausragende aufs Korn genommen, wenn man verletzen will, das, was mit Stolz einhergeht. Dresden hat mit seinem Stolz für unseren bezahlt. Für Dresden allein ist es ungerecht, für Deutschland mehr als gerecht.

 

                

Im Grunde möchte ich hier nicht so schnell wieder her, wenn ich jedoch zukünftig an Dresden denke, werde ich mich dieser ernsten Gesichter erinnern, die hoffentlich noch lange Zeit dort verbleiben mögen

                                                

und ich werde mir die Gesichter von Touristen ins Gedächtnis rufen, die Freude hatten beim Besuch dieser Stadt.
           In jedem Fall bleibe ich durch die Elbe, die auch mein heimatlicher Fluss ist, entfernt verwandt.

                                                  

 

 

 

Logbuch vom 27. Juni 2011

                 

Im Alten Land beziehen im schönen Monat Juni viele junge und alte Vogelanweiser wieder in den Bäumen Position. Sie haben die Aufgabe, herauszufinden, wer der hiesigen Baumbesitzer nicht zu Hause ist, um den Spreen diese Kirschen dann zum Verzehr anzubieten. Da ich seit Jahren schon in den schönsten Monaten des Jahres andernorts verweile, genieße ich unter der bäuerlichen Gemeinschaft bei mir zu Hause freundlichen Respekt, fallen die Stare doch in Schwärmen zunächst in mein Grundstück ein. Auch dies ist ein Beispiel für Bernds und meine große Tierliebe. Unser Marder z.B., der immer noch im Hause weilt, hat jüngst sogar ein eigenes Radio auf den Dachboden bekommen. Damit wir sicher gehen, dass nur wir es an- und ausstellen können, suchten wir lange, um noch ein Radio zu finden, dass nur über einen Drehknopf zu bedienen ist.

 

                              

Nun gut, zurück zum alten Kran nach Spandau. Hier erhielten wir Besuch von alten Bekannten aus Bielefeld. Damit es für uns nicht zu langweilig wird, sind Dirk und Sonja extra schweren Herzens nach Kroatien zum Segeln gefahren (was für eine Mühe!) und Thomas raffte sich auf, seine Mutter zu besuchen, obwohl es dort jetzt immer regnet. Auf diese Weise wurde Platz geschaffen für drei neue Freunde, die uns vorgestellt werden konnten. Nett!

Da Bernd von seiner Schule nicht die Erlaubnis hat, auch unter der Woche mit Gästen zu segeln, mussten diese solange warten, bis er frei war. Sie vertrieben sich die Zeit damit, die nächste größere Stadt zu besichtigen. Sie waren völlig aus dem Häuschen, was für tolle türkische Märkte es bei uns in Spandau gibt, und so aßen wir, bis auf das obligatorische Spargelgericht, beinah ausschließlich muselmanisch, obwohl unsere Köchin eigentlich Spezialistin für Nierchen ist.

             

Über die große Anzahl von Segelbooten, die auf der Havel unterwegs sind, waren sie dann doch erstaunt. Sie hatten ja keine Ahnung, wie viel Arten von Wasserfahrzeugen man hier begegnen kann. Kein Vergleich zu den Niederlanden, die sind völlig langweilig dagegen. Das Ijsselmeer ist etwas größer, zugegeben, aber ist es auch so schön anzugucken? Hat es so schöne Bäume ringsherum? So viel Menschen, die uns fotografieren? Nein!

              

Und so genossen sie die Segelstunden, die wir ihnen boten. Bernd ist extra von links nach rechts, von backbord nach steuerbord gekreuzt, um ihnen alles zu zeigen, was es hier zu sehen gibt.

             

Den Nazibau des Strandbades Wannsee, die lächerliche Miniaturfregatte mit ihren Streichholzmasten, von denen wahrscheinlich nicht einer zu klappen ist, und die Segel so groß wie Badehandtücher. Naja.

                       

Beate wurde nicht schlecht, Dirk konnte seine Handschuhe als Vorschoter gut zum Einsatz bringen, nur die Raucher waren etwas genervt, weil der Wind beim Rauchen zu sehr mithalf. Regine brachte Neptun aus Dankbarkeit ein nicht unerhebliches Opfer

und Rainer hat beinah das ganze Abenteuer verschlafen.

Als Freundin eines ehemaligen Voll-Unternehmers weiß ich, was es bedeutet, dem Stress des Wirtschaftslebens ausgesetzt zu sein. Das ist kein Zuckerschlecken, das ist nicht wissen, was die Kunden morgen machen oder die Gesetzgeber, die sich immer neue Schikanen ausdenken. Man weiß selber nicht, wie lange man das aushält, muss immerzu kreativ werden, sich Lösungen ausdenken - vor allem Lösungen dafür, die eigene Stressbeständigkeit zu erhöhen. Wer's schafft, ist ein sogen. Sieger, wer es gar nicht schaffen will oder muss

 

geht in der Bucht bei Stinthorn vor Anker.

Dort befindet sich oben auf dem Berg die Burnout-Klinik Potsdams. Davor lag die Jacob van Berlijn vor Anker. Ruhig treibend, leise schaukelnd. Wie Gott uns schuf, nahmen wir vereinzelt ein Bad, wuschen uns in Unschuld - komplett.
Reinen Herzens erwarteten wir den nahenden Abend.

Und wer kam außer ihm vorbei? Plötzlich, mit dem Faltboot um die Ecke? Bernds alte Chemielehrerin plus Freundin. Der Name Preller war ihr bekannt. Die Damen enterten das Schiff (auf Einladung) über die Badeleiter und bescherten Bernd und mir eine Freude der ganz besonderen Art. Ein Mensch, der solche Art Zufälle des Öfteren verbuchen darf, mag sich glücklich schätzen. Und das Glück kommt nicht in erster Linie zu denen, die an die "Schlaraffenlandlüge" glauben - das haben die Glückforscher der Universitäten der USA herausgefunden. (Die Suche nach dem Glück ist in den USA nämlich verfassungsmäßig verankert.)

 

Am nächsten Morgen war ich die erste im Wasser, Jürgen der zweite, Karin dann auch gleich. Der Krampnitzsee ist sauber, still irgendwie, weich und ruhig. Steffi und Bernd folgten, schwammen ums Schiff, während der Generator die übrigen Geräte in der Maschinenkammer mit seinem Technosound unterhielt. Maschinen brauchen so was, jeder muss mal arbeiten, abgelöst werden, den anderen hören - dann sind alle zufrieden. Wohliges, warmes Wummern aus dem Generatorraum ist der Garant für frisch gebrühten Kaffeemaschinenkaffee und geföhnte Haare.

 

 

Nachdem unser Hund noch die Möglichkeit bekam, auszutreten, konnten wir die sonntägliche Rückreise mit dem Schiff antreten.

 

Vor einzigartiger Kulisse des Schlosses Babelsberg fand früher der Agentenaustausch zwischen Ost und West auf der Glienicker Brücke bei Potsdam statt. James Bond lässt grüßen.

 

 

Kindertag!

               

Die Elterntiere präsentierten stolz ihre Kinder, und diese zeigten, was in ihnen steckt. Schon das Wort Jugendliche ist hier nicht mehr angebracht - so alt sind wir alle schon.

 

 

 

 

 

 

Das Damensegel wurde ordnungsgemäß von Damen bedient.

 

             

 

 

 

 

Dies Segel wusste scheinbar niemand so richtig zu bedienen.

 

 


 

Von der brausenden Metropole Berlin bekam man auf dem Wasser gar nichts mit, bis uns ein junger Mann schwimmend erreichte und etwas erschöpft an Bord gehievt werden musste - mitten auf der Havel. Er stand schon unter Drogeneinfluss, nahm an, wir seien Holländer aufgrund unserer Beflaggung und vermutete weiteren "Stoff" an Bord. Am liebsten wäre er mit uns nach Spandau gefahren, unaufhörlich dummes Zeug erzählend und herumprahlend. Großstadtgeflüster.
Wir setzten ihn am nächstgelegenen Ufer bei der DLRG ab. Dort hatte bereits ein anderes Wasserfahrzeug seine Habe hinterlegt, auch diese Menschen hatte er scheinbar ein Stück begleitet.

 

 

Nanu?

Wo sind denn jetzt die Segel? Wo sind die bokkepoten, die Aufbockfüße?

Bernd legt gerade den Mast vorm Gemünd.
Die Sonne will zuschauen.
Unser Wochenende Segeln ist beinah vorbei. 


 

 

Noch schnell probieren, das Fahrrad für die Tochter in Berlin zu reparieren. Man kann sie doch so nicht ziehen lassen.

Doch Bernds Werkzeugkammer ist kein Fahrradreparaturladen. Die richtigen Schrauben oder Werkzeuge sind nicht da. Schade.

Einer nach dem anderen verlässt das Schiff.

Abschied - für wie lange?

 


 

                                         Ich glaube, wir müssen irgendwann auch mal nach Bielefeld.

 

 

 

Logbuch vom 8. Mai 2011

Jetzt kann ich's ja erzählen. Bernd und mir war doch lange Zeit mulmig, wie es wohl sein würde, wenn wir mit 35 Gästen an Bord unseren Mast auf der Unterhavel hinterm Gemünd wieder aufrichten würden. Wo lassen wir die ganzen Menschen in dieser Viertelstunde. Niemand darf im Weg stehen, keiner darf gefährdet werden und auch die Kleidung jedes Gastes sollte sauber bleiben. Alle unter Deck stopfen? Alle aufs Vorschiff? 35 Mann?

Also - wichtig ist eine saubere Erklärung der anstehenden Vorgänge zur allgemeinen Vorbereitung. So wusste jeder, was geschehen würde und konnte für sich ein Plätzchen wählen, das ihm angenehm erschien. Außerdem hatten Bernd und Medulli in der letzten Woche zur zusätzlichen Sicherheit noch eine Handbremse an die Winde unserer maststrijkinstallatie angebaut - das erhöhte seinerseits unsere innere Ruhe und Stabilität bezüglich unseres Wippmastes.

Und so konnte der Tag kommen, an dem Silvia ihren Geburtstag feiern wollte und wir ihre Gäste von Spandau zur Villa Luise in Kladow bringen sollten - auf eine ganz besondere Weise!


Während der spannenden Aktion des Mastaufrichtens bin ich natürlich beschäftigt und kann nicht fotografieren.

So entsteht das erste Bild, als wir schon längst unter Segeln sind. Gelöste und entspannte Gesichter zeigen, dass alles problemlos verlief.

Das Wetter war gestern wunderschön und wir hatten sogar so viel Wind, dass wir auf das Heißen des Großsegels verzichteten. Der Wind pustete uns mit 3 Knoten unserem Ziel entgegen.

 

 

                 

Die Badestelle unterm Grunewaldturm lockt seit Wochen schon zum Sonnenbad. Wir fahren in angemessenem Abstand an ihr vorbei. Das tut allerdings nicht jedes Wasserfahrzeug, denn die nahtlose Bräune, die dort erreicht werden soll, will von so manchem Skipper ordnungsgemäß überprüft werden. Und so hat sich dort schon eine tiefe Fahrrinne in die Havel gegraben.

            

Mit einem Tiefgang von 1,10 m haben wir diese Fahrrinne nicht nötig. Wir bleiben in unserer Mitte, die uns einen guten Rundumblick beschert. Wir können von hier in alle Richtungen sehen und haben trotzdem alles unter Kontrolle. Und sind gut drauf!


Das ist kurze Zeit später auch nötig, denn beim englischen Yachthafen ist Flexibilität gefragt - von allen Beteiligten. Vor Monaten bekamen wir die Erlaubnis, hier unsere Gäste von Bord zu setzen. Nun liegt dort zufällig ein Boot am Steiger.

Wir probieren, mit dem Kopf des Schiffes Kontakt zum Anleger zu bekommen, ein freundlicher englishman ist bereit uns zu helfen und - unsere Gäste entern den englischen Yachtclub.


 

 


Von dort geht es "Auf, zur Villa Luise", wo die eigentliche Feier stattfinden soll.

Bernd und ich tuckern auf dem Motor mit dem Schiff zurück. Vorm Gemünd gehen jetzt die Schwerter in den Grund, auf diese Weise können wir das Schiff im Gewässer still legen. Während ich noch in der Küche Klarschiff mache, hat Bernd den Mast alleine umgelegt und ist weitergefahren. Anlegen in Spandau, umziehen, Mast wieder hoch und - ab zur Fete.

 

Ein lebendiger Tag geht zu Ende.

 

 

Logbuch - wir schreiben inzwischen den 20. April 2011

Schaut überhaupt noch jemand hier rein?

Ich habe mein Logbuch nicht vernachlässigt, sondern ich war damit beschäftigt, neue Buchseiten in meiner persönlichen Lebensgeschichte vorzubereiten. Und Dinge, die keimen, kann man nicht der Öffentlichkeit präsentieren, sie benötigen Verschlusszeiten, Verborgenheit, Ruhe und Wartenkönnen - letzteres kann einen furchtbar kribbelig machen, denn oft weiß man nicht einmal selber, was in Einem keimt, worauf man da warten muss. Doch irgendwann ist es soweit, da wird man vom Winter befreit, da beginnen überall mit Macht die kleinen grünen Triebe zu sprießen und ob man will oder nicht, man hat dem Wiedererwachen in der Natur und in sich selbst nichts mehr entgegen zu setzen.

Die zeitliche und thematische Übereinstimmung zu erleben von eigenen, im Inneren ablaufenden Prozessen mit dem, was draußen in der Welt geschieht, vermittelt ein Gefühl von großer Verbundenheit und spiegelt wider ein Leben, das im Fluss ist und zugleich am Puls der Zeit.

 

Apropos! Gestern wurde es für uns allmählich Zeit, eine Probefahrt zu unternehmen mit unserem "Wippmaster". Das Deck war zwar noch nicht richtig aufgeklart, es lag überall noch viel herum, was wir beim Segeln in Berlin im Gegensatz zu Holland gar nicht mehr brauchen, dennoch war der Tag sehr gut gewählt, denn es stand ein wenig Wind und das Wetter war prächtig.      "Ansegeln mit Rhabarberkuchen" war das Motto, zu dem Jakob und Swantje, Sabrina und Johannes gekommen waren.

 

 

Das Grün des Grunewalds ist noch sehr jung, das Wasser kühl und frisch, die Natur hat gerade damit begonnen, Einladungen zu versenden. Dennoch war schon einiges los auf der Havel.

 

 

 

 

                             

      Und Osterferien sind ja schließlich auch.                            In Jever ebenso wie in Berlin.

                                     

 

Für den Richtfunk, der früher den Telefonverkehr zur Bundesrepublik sicherte, brauchte man in Westberlin einen ziemlich großen Turm.

Peter und Paul, die kleine orthodoxe Kirche im Grunewald, hat das nicht nötig. Dabei geht der Richtfunk von hier in viel entferntere Regionen.

 

 

 

                         

So wie manche Bäume noch kein Laub tragen, so verzichteten wir zunächst auf unser Großsegel. Die Fock ist ihres Baumes beraubt - viel einfacher bei geringeren Windstärken. Das Großsegel verlangt von uns noch eine eigene Konzentration, soll es doch möglich werden, den Mast zu klappen mit angeschlagenem Segel.

             

Wendepunkt unserer kleinen Reise: die Heilandskirche von Sacrow. Mir fielen die beiden Kreuze auf.
Hat das Kreuz des Leidens seine Botschaft nicht allmählich erfüllt? Sollten wir nicht anfangen damit, mehr Verantwortung zu tragen? So wie wir bei uns selber wegschauen, verdrängen, nicht wahrhaben wollen, uns selber gerne belügen, so werden auch wir belogen, verdrängt, nicht angeschaut. So wie wir selber das bei uns im Kleinen tun, so tun das die "Großen" mit uns. Darüber regt man sich gerne auf, doch die meisten Menschen sind zu feige ihren eigenen Wahrheiten ins Gesicht zu sehen. Nur das kann Veränderung bringen, Veränderung, die wir in der Welt nötig hätten.
Mir gefällt inzwischen das balkengleiche Kreuz besser, es ist neutraler und glorifiziert das Leiden nicht. Ich erkenne Leiden an, aber finde, dass Leiden ein Grund sein muss, der zu Veränderung führt, im Denken, im Handeln, individuell und global.

 

 

 

Die Glienicker Brücke, die nach Potsdam führt,
dahinter die Traumfabrik Babelsberg.

Vorne vielleicht der kleine Traum von James Bond?

 

 

 

              

Noch einen kleinen Schlenker vorbei an der Pfaueninsel, zu der reger Fährverkehr führt. Wir sind noch nicht dort gewesen auf einen Besuch, denn Jorke ist dort nicht erwünscht - und wollen wir ohne unseren Hund spazieren gehen? Dann hören wir eben aus der Ferne den Pfauen zu und lassen diese Insel für uns unentdeckt.


Am Ende haben wir eine kleine Tagesreise unternommen, die um ein Vielfaches interessanter war als irgendeine Tagesreise von Medemblik ausgehend.

Es gibt hier auf kürzerer Strecke wesentlich mehr zu sehen. Wir können unser beliebtes "Kaffee- und Kuchensegeln" leben, womit wir eigentlich eine Form der Gemächlichkeit meinen, des getragenen Segelns, des unsportiven Tuns mit viel Bewegung für Körper und Sinne. Bernd und ich sind Freunde davon.

 

Heute habe ich jede Menge alter Fender zum Recyclinghof gebracht. Mein alter zeilpak hat auch ausgedient, in Berlin ist die Niederschlagsmenge bei weitem geringer als in Holland. Und wir befreien unser Schiff von viel überflüssigem Material, das in den Niederlanden beim Segeln nötig war, worauf wir hier aber gut verzichten können.

Vereinfachen und Anpassen - zwei Wörter, die im Leben immer wieder neu an Bedeutung gewinnen.

Wir freuen uns auf die bevorstehende Saison.

 

 

Logbuch vom 6. Januar 2011 - Heilige Drei Könige

 

 

 

Nachdem sich die Seelöwe auch heute wieder früh durchs Wasser gekämpft hat, um oberhalb unseres Liegeplatzes die dicke Eisschicht zu durchstoßen mit ihrem Bugmesser, zieht sie nun, kräftige Wellen erzeugend, die unsere Lampe im Roef schaukeln lassen, stromabwärts zur Unterhavel, um eine Rinne zu beißen für die Schifffahrt.

 

 

 

 

 

 

 

Dann kommen wenig später die Eisschollen-Stücke vorbei getrieben, kratzen uns die Farbe vom Rumpf, die Stephan und seine kleine Mannschaft beim Werftbesuch im Herbst mühselig aufgetragen haben.

Jorke hat sich inzwischen an diese Geräusche gewöhnt und schreckt nicht jedes Mal hoch, um ein feindliches Heer anzukündigen, das sich seiner Meinung nach von der Seeseite zu nähern scheint.

 

 

 


Heute allerdings kam ein kleines Grüppchen Sternensinger vorbei gezogen, die ein Konzert gaben an die Binnenschiffer von Spandau, zu denen wir nun ja auch gehören. Sie waren zu viert. Ich habe mir erzählen lassen, dass es schon mal vorkomme, dass die Sängerzahl Drei überschritten werde zu diesem Anlass.

 

 

 

Nachdem sie dann auch uns passiert hatten, sprangen sie von ihrem Floß und gesellten sich zu den übrigen Schwimmern ihres Stammes. Zwischen unserem Heck und dem Bug des polnischen Zossen hinter uns gibt es eine eisfreie Zone, die manchmal so dicht besiedelt ist wie das kleine Land Holland, aus dem wir gerade kommen.

Die Blesshühner schwimmen den ganzen langen Tag beinah auf einer Stelle gegen die Strömung, um sich warm zu halten. Am Ufer sind sie kaum zu sehen. Was für eine Erlösung, dass es heute endlich mal zu tauen beginnt.

 

 

 

Dann schmilzt allerdings auch unsere dicke, weiße Isolationsschicht hinweg, die ich, inzwischen schlauer geworden, gar nicht mehr vom Deck entferne.

Aber wirklich traurig bin ich nicht, dass das Thermometer nun wieder Plusgrade anzeigen darf und mit mir wird manch Einer aufatmen, der sich in den vergangenen Wochen auch höchst unfreiwillig und überraschend auf der Erde sitzend wieder fand. Die Spikes in Spandau sind nämlich ausverkauft!

 

 

                                                             

Und wenn das Wetter wieder schöner wird, gibt es doch vielleicht Menschen, die Lust haben auf einen Hauptstadtbesuch. Und wer dann mal etwas anders wohnen möchte als in einem Hotel, der mal wieder das Gefühl erleben möchte, dass sein Bett auch schaukeln kann, der darf sich bei uns zu Übernachtung und Frühstück einquartieren. Der kann nach dem Erlebnis der Großstadt Berlin abends bei uns an Deck sitzen und den Fluss vorbeiziehen sehen. Die Kulisse hat sich verändert, wir sind noch dieselben vor anderem Hintergrund - das Wattenmeer lebt, aber Berlin auch !!!

Ein gesundes und glückendes Jahr 2011 für all Eure Unternehmungen wünschen Bernd und Ria.

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